MUSIK IM RÖMERmuseum
Frühere Jahre

Pressespiegel, Kritiken & Bilder

Chronik


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 23. Oktober 2020
Spanische Lebensfreude und Bach-Sonaten im Römermuseum

Die Konzertreihe „MUSIK IM RÖMERmuseum“ war „eine Veranstaltung unter erschwerten Corona-Bedingungen“. Das hatte Dr. Horstfried Masthoff (Vorstand der KulturStiftung Masthoff) gleich zu Beginn erklärt. Die Pandemie-Bedingungen machen Künstlern und Kulturschaffenden durch unzählige abgesagte Veranstaltungen sehr zu schaffen. Für das zahlreiche Erscheinen der Gäste am Mittwochabend bedankte sich die stellvertretende Museumsleiterin Lisa Stratmann. „Leider müssen Sie ja auch auf Ihren Plätzen während des Konzerts Ihre Masken aufbehalten“, sagte sie bedauernd.

Wegen der Corona-Pandemie war es auch zum Ausreiseverbot der norwegisch-chinesischen Pianistin Jie Zhang aus Norwegen gekommen, die eigentlich zusammen mit Liv Migdal das Programm bestreiten sollte. Den Veranstaltern war es dann aber quasi in letzter Minute gelungen, mit dem Gitarristen Krzysztof Meisinger einen sehr würdigen Ersatz zu finden. Die junge Geigenvirtuosin Liv Migdal ist in Haltern keine Unbekannte. Schon viermal war sie im Römermuseum mit ihrem leidenschaftlich-expressiven Spiel aufgetreten. 2010 ist sie mit dem GWK-Förderpreis ausgezeichnet worden und gastiert als Solistin und Kammermusikerin in Europa, Australien und China. Die in Herne geborene Wahlberlinerin wurde vielfach mit internationalen Musikpreisen und Stipendien ausgezeichnet und ist mit namhaften Orchestern und Dirigenten zu Gast in renommierten Konzertsälen.

Nicht minder beeindruckend ist die Biografie des klassischen Gitarristen Krzysztof Meisinger. Der Gewinner zahlreicher renommierter Musikwettbewerbe und Stipendiat des polnischen Kulturministeriums tritt regemäßig auf Festivals weltweit auf und arbeitet ebenfalls zusammen mit namhaften Orchestern.

Am Mittwoch eröffneten die beiden Künstler das abwechslungsreiche Programm mit Pablo de Sarasates „Carmen-Fantasie“ und brachten damit die temperamentvolle, spanische Lebensfreude in den zum Konzertsaal umfunktionierten Ausstellungsraum des Museums. Etwas getragener, aber nicht weniger virtuos ging es weiter mit Johann Sebastian Bachs Sonate G-Dur BWV 1021 und der Sonate e-Moll BWV 1023.

Ihre herausragende Musikalität bewies die Violinistin auch dadurch, daß sie keinerlei Noten zur Vorlage benötigte. Das komplette Konzert hatte sie auswendig im Kopf. Das perfekt abgestimmte Zusammenspiel der beiden Instrumente bei den rasanten Rhythmus- und Tempiwechseln von Astor Piazzollas „L’Histoire du Tango“ mit unfaßbar großer Präzision belohnten die Zuhörer mit stürmischem und langanhaltendem Applaus. Weitere Konzerte der Reihe „MUSIK IM RÖMERmuseum“ sind geplant. Ob sie wegen der Pandemie noch durchführbar sind, muß sich allerdings zeigen.

Antje Bücker


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 21. Februar 2020
Musiker bekamen ein besonderes Lob – Zuschauer auch

Diesmal erhielt das Publikum beim Konzert im Römermuseum am Mittwochabend besonderes Lob – wegen seiner Begeisterung und Freundlichkeit von den Künstlern und wegen seiner Treue von Dr. Susanne Schulte. In ihrer Funktion als Geschäftsführerin der GWK-Gesellschaft für Westfälische Kulturarbeit, die neben der Kulturstiftung Masthoff und dem LWL-Römermuseum eine der drei Ausrichter dieser Konzertreihe ist, sprach sie die Begrüßungsworte. Das für eine gelungene Präsentation von Gesang und Klavier erforderliche Zusammenwirken verglich sie mit dem ähnlich spannenden Prozeß des Auffindens eines passenden Ehepartners.

Daß es sich deshalb bei der üblichen Bezeichnung „Liedbegleitung“ um eine eher einseitige Sichtweise handelt, vielmehr gleichrangige Künstler auf Augen – oder besser Ohrenhöhe – miteinander agieren, bewies der in Israel geborene, in Südafrika aufgewachsene Pianist Ammiel Bushakevitz solistisch mit der Ballade Nr. 1 op.23 von Frédéric Chopin (1810-1849) mit ihren technischen Vertracktheiten ebenso wie mit dem Impromptu Ges-Dur, D. 899 Nr. 3 von Franz Schubert (1797-1828), das er mit gefühlvollem Ausdruck und mit fein abgestimmter Dynamik und Tempogebung interpretierte.

Und mit Schubert begann auch das abwechslungsreiche Programm, das der junge, vielfach ausgezeichnete Bariton Stefan Astakhov zu Gehör brachte.

„An die Musik“ und „Der Flug der Zeit“ boten für beide Duopartner eine Fülle von Möglichkeiten, sowohl die kaum zu übertreffende (Lied)kompositionskunst Schuberts als auch ihre eigenen, jeweils herausragenden Fähigkeiten zu präsentieren – Bushakevitz mit dem gefühlvoll sensiblen Klavierpart und Astakhov mit seinem Gesang

Dabei fiel schon hier die außergewöhnlich gute Textverständlichkeit auf wie auch sein gewaltiger Stimmumfang, der fein-modulierte Umgang mit dieser Fülle und die auf den je eigenen Liedcharakter abgestimmte Mimik und Gestik. So hatte man bei dem „Elfenlied“ von Hugo Wolf (1860-1903) ganz plastisch vor Augen, was dieser kleine Wicht des Nachts so alles trieb.

Hernach wandte sich Stefan Astakhov Liedern von russischen Komponisten wie Cui, Scheremetjew, Tschaikowski und Glinka zu, die teils an volkstümliche Melodien erinnerten, teils sehr dramatisch und fast aggressiv ihn alle Facetten seiner vielschichtigen stimmlichen Möglichkeiten ausloten ließen.

Die einem Klaviersolo folgende sehr bekannte Operettenpartie: „Dunklerote Rosen“ von Karl Millöcker wurde dann ebenso bejubelt wie die Arie „Amor vida de mi vida“ des spanischen Komponisten Federico M. Torroba.

Heidemarie Siegel


Foto: Michael Döring

© Halterner Zeitung, 16. Januar 2020
ARD-Preisträger sorgte am Klavier für glänzende Momente im Römermuseum

Die Besucher im Römermuseum erlebten am Mittwochabend eines der besten Konzerte der Reihe „Musik im Römer“. Zu Gast war ein ARD-Preisträger, der mit seinen vielen Fähigkeiten überzeugte.

Es ist schwer zu beschreiben, was den besonderen Glanz dieses Konzerts im Römermuseum ausmachte, denn glanzvoll war eigentlich alles: der neugestaltete Eingangsbereich des Museums, der schwarzglänzende Bösendorfer Flügel und natürlich vor allem die überwältigenden Klänge, die ARD-Preisträger JeungBeum Sohn dem Instrument am Mittwochabend beim Konzert der Kulturstiftung Masthoff entlockte. Von allen bisher auch schon hochkarätigen Konzerten war die Vorstellung des jungen, aus Südkorea stammenden Künstlers ein absoluter Höhepunkt, hatte er sein Programm doch mit Werken gespickt, die zu den technisch und musikalisch anspruchsvollsten der Klavierliteratur überhaupt gehören. Möglicherweise dem Beethovenjahr geschuldet, eher aber als kluger Baustein in der Programmarchitektur, erklang die berühmte Sonate c-Moll, op. 111 in der Mitte des Abends, sodass die begeisterten Zuhörer die in ferne Zukunft weisenden Klänge in sich wirken lassen konnten. In seiner überaus konzentrierten, dabei aber ebenso natürlich wie gelassen wirkenden Musizierweise, mit kultiviertem Anschlag und ohne Theatralik widmete sich JeungBeum Sohn diesem vielfach analysierten und beschriebenen Werk, das die letzte Klaviersonate im Schaffen Beethovens darstellt und häufig als eine Art Testament gedeutet wird. Dem kraftvollen Maestoso des ersten Satzes der zweisätzigen Sonate folgen im Adagio Variationen des in der Arietta vorgestellten Themas, die ob ihrer jazzartigen Beschwingtheit vergessen lassen, dass Beethoven vor 250 Jahren geboren wurde. Vorausgegangen war die posthum erschienene Sonate a-Moll von Franz Schubert (1797-1828), in der der Pianist vor allem durch die Herausarbeitung der dynamischen Unterschiede und den Wechsel überaus gefühlvoll melodischer und kraftvoll-energischer Passagen glänzte. Nach der Pause widmete sich JeungBeum Sohn jüngeren Komponisten, so der einsätzigen Sonate Nr. 5, op. 53 von Alexander N. Skrjabin (1871-1915), die nach fulminantem Beginn und folgenden zarten Passagen aber doch hauptsächlich durch Gegensätze lebt und überaus abrupt endet. Das vom Impressionismus geprägte Werk „Gaspard de la nuit“ von Maurice Ravel (1875-1937) gilt als eines seiner bedeutendsten Werke, das seinen drei Teilen – Die Wassernixe, Der Galgen und Der listige Kobold - durchaus lautmalerische Gestalt gibt. Man glaubt, perlende Wasserkaskaden zu hören, während der immer wiederkehrende, an Glockenklang erinnernde Ton in „Le gibet“ etwas Düsteres zu vermitteln vermag, ganz anders dann das gehetzte, mechanisch wirkende Eilen des „Scarbo“; hier zeigte Jeung Beum Sohn, dass ihm, neben der selbstverständlich technisch perfekten Bewältigung dieses überaus anspruchsvollen Stückes auch große Gesten nicht fremd sind. Den Abschluss des außergewöhnlichen Abends bildete dann das Stück „Islamey“ des Russen M. Alexejewitsch Balakirev (1836-1910), das, inspiriert von einem tscherkessischen Volkstanz, lange Zeit aufgrund seiner technischen Ansprüche als das schwierigste Klavierwerk überhaupt galt. In dieses sehr effektvolle, teils betont rhythmische, aber durchaus auch von orientalisch anmutenden Melodien geprägte Werk schien JeungBeum Sohn noch einmal alle seine künstlerische Ausdruckskraft zu legen, was das Publikum zu begeistertem Beifall animierte. Dafür bedankte sich der sympathische Künstler mit zwei hinreißend gespielten Etüden von Chopin, darunter zum Schluss die bekannte Nr. 12.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 02. November 2019
Einfühlsames Zusammenspiel

Wer von Zuhörern des ersten Konzerts der neuen Saison im Römermuseum vom Titel „Tour de Force - Außer Atem“ erwartet haben mochte, vor Anstrengung atemlose Kämpfer an diversen Flöten und widerspenstigen Tasten zu hören, wurde auf das Angenehmste überrascht. Die junge und bereits hochdekorierte Blockflötistin Paula Pinn so wie die mittlerweile als Dozentin an der Musikhochschule Graz lehrende Cembalistin Anna Kiskachi durchmaßen zwar in atemberaubender Virtuosität und großartiger Könnerschaft die Musikepochen von der Renaissance bis in die Jetztzeit, von Anstrengung war dabei jedoch weder zu hören noch zu sehen. Das titelgebende Stück „Außer Atem“ – von Moritz Eggert (*1965) für einen Spieler und Flöten - war zweifellos einer der Höhepunkte des Abends, wurde da doch aus dem Vollen moderner Spieltechniken geschöpft und mit geradezu akrobatischer Rasanz zwischen dem Einsatz mehrerer Flöten, einzeln oder zu zweien oder mit Synchrongesang im Munde der Flötistin erklingend jongliert, mal wohltönend an Naturklänge erinnernd, mal eher harsch und aufrüttelnd. Ähnliche Qualitäten hatte das Werk des tschechischen Komponisten Petr Wjsar (*1978) aufzuweisen, das einzige Stück, das die Künstlerin mit erklärenden und beruhigenden Worten vor Beginn erläuterte „Sie brauchen keine Angst zu haben!“: „Harpsycho“ setze sich zusammen aus Harpsichord, also Cembalo und Psycho und der Komponist wünschte sich, die Musik möge so klingen, als sei die Cembalistin verrückt geworden. Diese Absicht verwirklichte Anna Kiskachi in ihrer durch Mimik, perkussive Behandlung des Cembalos und natürlich ihr wahrhaft verrückt-schönes Spiel auf eindrückliche Weise. Dagegen waren die klug gewählten übrigen Werke bis auf die Stücke für Solo-Klarinette von Igor Strawinsky (1882-1972), die schon ganz in die musikgeschichtliche Moderne gehören und von Paula Pinn mitreißend präsentiert wurden, in Renaissance und Barock zu verorten. In spannungssteigernder Choreographie ihren Einzug gestaltend begannen die beiden Künstlerinnen ihren Abend nämlich mit einem Stück eines Minnesängers, des sog. Schuolmeisters von Ezzelingen (14.Jhdt.?), das in seiner Melodik an Gregorianik denken ließ, gefolgt von dem „Madrigal Benché ´l misero cor“ von Philippe Verdelot (1480-1562), in dem auch wiederum der Schwerpunkt auf der sanglichen Qualität der Flötenstimme lag. Dies setzte sich fort in einem Variationenwerk, das Francesco Geminiani (1687-1762) über ein Lied von Henry Purcell (1659-1695) geschaffen hatte. Der erste Teil des Konzertes endete mit Bach, der mit der Französischen Suite Nr. 2, BWV 813 auch schon als Ohrentrost nach dem Strawinsky erfreut hatte, nämlich mit einer frühen Praxis von Coverversion: Orgeltransskriptionen von Werken des Zeitgenossen Antonio Vivaldi, hier eingerichtet für Flöte und Cembalo. Hier schwelgten beide Musikerinnen in barocker Fülle mit unüberhörbar großen Erfahrungen in der Aufführungspraxis Alter Musik. So vermeinte man an einigen Stellen im Tanzsaal die Herren in ihren gepuderten Perücken die Damen in galanter Verbeugung zum Tanze auffordern zu sehen – und natürlich auch zu hören, später war es dann für die älteren unter ihnen wahrscheinlich zu rasant….

Nach der Pause ging es mit Bach, diesmal original für die jeweiligen Instrumente geschrieben, weiter. So erklangen die Sonate A-Dur, BWV 1032, für Flöte und Cembalo, bei der Paula Pinn vor allem den Gegensatz zwischen dem melancholischen Largo-e-dolce-Satz und dem folgenden spritzigen Allegro herausarbeitete, sowie die berühmte Chromatische Fantasie und Fuge, BWV 903 für Cembalo, eine wahrhaft kongeniale Komposition, in der Anna Kiskachi all ihre technische Perfektion und ihre außergewöhnliche musikalische Ausdrucksfähigkeit präsentieren konnte. Nach den bereits erwähnten Ausflügen in die allerneueste Zeit ging es mit der Sonata E-Dur, BWV 1035 dann noch einmal zurück in die Klangschönheit barocker Kompositionskunst, die mit schöner Dynamik, bester Technik und einfühlsamem Zusammenspiel dargebotene Sonate schenkte den Zuhörern akustischen Sonnenschein für den Heimweg am kalten Herbstabend.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 15. März 2019
Perfekt aufeinander abgestimmte Duopartner

Das letzte Konzert der Reihe „Musik im Römer“ bot den Zuhörern, wie Simon Degenkolbe in seinen ebenso kurzweiligen wie informativen Moderationen erläuterte, Höhepunkte der Kammermusik für Piano und Klarinette, allesamt aus der Epoche der Romantik. Der junge und mehrfach ausgezeichnete Klarinettist Degenkolbe mit seinem erfahrenen Klavierpartner Helge Aurich hielten mit einem geschickt zusammengestellten Programm die Spannung dennoch bis zum anspruchsvollen Schlussstück – „Grand Duo Concertant“ op. 48 von Carl Maria von Weber (1786-1826) - aufrecht, insbesondere, weil die nach der Pause erklingenden Werke sich auf die Welt der Oper bezogen. Den Anfang machten die „Drei Fantasiestücke“ op. 73 von Robert Schumann, die in ihren Sätzen: „Zart und mit Ausdruck - Lebhaft leicht - Rasch und mit Feuer“ schon gleich zu Beginn eindrucksvoll erleben ließen, wie perfekt aufeinander abgestimmt die Duopartner agierten. Die Akzentuierung der jeweiligen Stärken ihrer Instrumente gelang auch in den beiden kurzen Stücken von Max Reger (1873-1916) perfekt, sowohl im gefühlvoll-melodischen „Albumblatt“, wie auch in der temperamentvollen „Tarantella“. Und diese Qualitäten konnten Simon Degenkolbe und der aus Stuttgart stammende Helge Aurich in der anspruchsvollen dreisätzigen Sonate op. 120 Nr. 2 von Johannes Brahms (1833-1897) erneut beweisen. Helge Aurich wusste hier den weichen Klang des Bösendorfer Flügels in kultivierter Anschlagtechnik einzusetzen, was großartig mit dem technischen und musikalischen Potential des Klarinettisten harmonierte. Nach der Pause ging es mit einer Fantasie über „Cavalleria Rusticana“ von Carlo Della Giacoma (1858-1929) fulminant in Opernsphären. Dieses effektvolle Werk verlangte nicht nur dem Pianisten einiges ab, sondern forderte mit seinen atemberaubend raschen Läufen besonders vom Klarinettisten stupende Virtuosität. Die konnte auch Helge Aurich danach solistisch auf dem Flügel zeigen: in der „Rigoletto Paraphrase“ von Franz Liszt (1811-1886), was ihm unprätentiös und natürlich, aber äußerst ausdrucksstark gelang. Den bravourösen Abschluss bildete dann das bereits erwähnte „Grand Duo“, das die musikalische Heimat des Komponisten in der Oper nicht verleugnen konnte. Nach dem feurigen Beginn – Allegro con fuoco – meint man im Andante eindringlich zu Herzen gehende Opernmelodien zu hören, Klavierzwischenspiele wurden von der einfühlsam einsetzenden Klarinette abgelöst, die zu einem eigentümlich düsteren Satzende führte. Der Schlussatz, Rondo allegro, wirkte im Gegensatz dazu hell und lebendig und endete furios in einem kraftvollen Kreisen um das Schlussthema. Die Zugabe, mit der die vollauf begeisterten Zuhörer noch beschenkt wurden, stammte aus einem Abschnitt aus Verdis „La forza del destino“ und sorgte ein weiteres Mal für absolute Gänsehautgefühle.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 1. Februar 2019
Volodymyr Lavrynenko gibt ein herausragendes Konzert im Museum

Als ein aus der Fülle der hochkarätigen Konzerte im Römermuseum besonders herausragendes Juwel erwies sich der Klavierabend mit dem Schubert-Wettbewerb-Preisträger Volodymyr Lavrynenko. So bildete denn auch die nach der Pause erklingende Sonate A-Dur von Franz Schubert den krönenden Abschluss eines klug gestalteten Programms. Dieses leitete der Pianist ein mit der eher selten präsentierten Sonate op. 14 Nr. 2 in G-Dur von Ludwig van Beethoven. Das dreisätzige Werk beginnt leichtfüßig und offenbarte sogleich die gediegene Anschlagskultur des gänzlich unprätentiös auftretenden Künstlers. Auch die im zweiten Satz beethoventypische anspruchsvolle Rhythmik wurde glasklar herausgearbeitet. Volodymyr Lavrynenko weiß bei der Gestaltung des dynamischen Flusses seine stupende technische Perfektion und Konzentration auf das Wesentliche auf geradezu geniale Weise mit wundervoller Musikalität in den gesanglichen Passagen zu verbinden. Das erfuhren die Zuhörer auch auf sehr eindrucksvolle Weise im zweiten Stück des Abends, der Dritten Sonate für Klavier von Paul Hindemith (1895-1963) in B-Dur, die mit der Satzbezeichnung „Ruhig bewegt“ zu Beginn Anklänge an englische Volkslieder bietet, um dann im krassesten Gegensatz dazu Marschmäßiges aufzufahren, zu dem der dritte Satz, „Mäßig schnell“ eine ganze Geschichte hinzu zu erzählen scheint. Im letzten Satz wird die anspruchsvolle Sonate innerhalb der strengen Fugenform „modern“ ausgestaltet und endet hymnisch und pompös. Die abschließende Sonate von Franz Schubert klingt, als ob sie die ganze Fülle seines kompositorischen Schaffens versinnbildlichte. Hier konnten die Zuhörer nach dem kraftvollen Beginn die sanglich-liedhaften, fast träumerischen Passagen genießen, denn Volodymyr Lavrynenko bewies seine innige Vertrautheit mit dem Schubert‘schen Werk, was sich auch im weiteren Verlauf dieser so vielschichtigen Sonate zeigte, die in einem geradezu erschütternden Spiel mit Generalpausen und einem immer wiederkehrenden Themenzitat endete. Langanhaltender Beifall, belohnt mit einer Zugabe, beschlossen einen Konzertabend von außergewöhnlicher Qualität.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 30. November 2018
Abend mit sinnlichen Klängen

Das zweite Konzert der Konzertreihe „MUSIK IM RÖMERmuseum“ stand ganz im Zeichen der Harfe. Die vielfache Preisträgerin Carmen Steinmeier bestritt mit ihrem nicht nur wunderschön anzusehenden, sondern ebenso klingenden Instrument einen abwechslungsreichen Soloabend. Dabei erwies sich das älteste Werk des Abends von Georg Friedrich Händel (1685-1759) als Publikumsfavorit, erklang doch sein überaus eingängiger erster Satz auch als von den Zuhörern gewünschte Zugabe. Die junge Künstlerin begann mit einer Fantasie von Louis Spohr (1784-1859), zu der sie mit ebenso fachkundigen wie launigen Erläuterungen darauf verwies, dass dieses Werk, wie viele Harfenkompositionen, ihren Ursprung in der Liebe eines Komponisten zu einer Harfenistin habe. Carmen Steinmeier wusste in diesem seinem Namen und seiner Zeit entsprechenden Stück durch konzentriertes und ausdrucksstarkes Spiel zu überzeugen. In der folgenden dreisätzigen Sonate des zur klassischen Moderne zählenden und zu seiner Zeit als entarteter Künstler zur Emigration gezwungenen Komponisten Paul Hindemith (1895-1963) gelang es der Harfenistin , die typische Klangsprache Hindemiths sowohl im etwas düster-drängenden ersten wie auch im heller und heiterer klingenden zweiten Satz treffend zu interpretieren. Der dritte Satz, dem ein Gedicht von Ludwig Hölty zugrunde liegt, das Carmen Steinmeier auch rezitierte, spiegelte in lyrischer Tonsprache den melancholischen Text. Das folgende Impromptu op.86 von Gabriel Fauré (1845-1924) zu dessen etwas ungeklärter Entstehungsgeschichte die Künstlerin Anekdotisches berichtete, entführte dann in impressionistische Klangwelten, in denen Carmen Steinmeier in raschen Arpeggien sowohl ihre Virtuosität als auch ihr musikalisches Einfühlungsvermögen unter Beweis stellen konnte. Nach der Pause erklang das schon erwähnte Konzert von Georg Friedrich Händel, das in seiner Tonsprache alle beliebten Charakteristika des Barock zu vereinen weiß und im schnellen Schlusssatz erhebliches technisches Können verlangt. „Erschrecken Sie nicht“ warnte die Künstlerin das Publikum dann vor dem folgenden Stück von Heinz Holliger (*1939), das einen scharfen Gegensatz zum vorausgegangenen Werk darstellte. Unter Verwendung diverser moderner Spieltechniken erklang das Präludium aus „Präludium, Arioso und Passacaglia für Harfe“, das der Komponist im Jahre 1987 seiner Frau, der inzwischen verstorbenen Harfenistin Ursula Holliger gewidmet hat. Den Abschluss des musikalisch anspruchsvollen aber auch vergnüglich-informativen Konzertabends bildete die Komposition einer Harfenistin, Henriette Renié (1875-1956). Auch deren „Légende“ basiert auf einem Gedicht, das Carmen Steinmeier vortrug, und das als etwas abgewandelte Erlkönigsgeschichte um Fabelwesen und Tod kreist – „Les Elfes“ von Charles Leconte de Lisle. Mit viel Applaus und der Händel-Zugabe kehrte man dann wieder in vertrautere Gefilde zurück.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 19. Oktober 2018
16-Jährige begeistert bei „Musik im Römer“

Das Beste kommt zum Schluss – so hätte man das erste Konzert der Reihe „Musik im Römer“ umschreiben können, rissen doch die fulminanten Klänge der Carmen-Fantasie von Pablo de Sarasate (1844-1908) die Zuhörer am Konzertende noch einmal so richtig mit.

Die erst 16-jährige, aber bereits mehrfach preisgekrönte Detmolderin Gina Keiko Friesicke begeisterte das Publikum zusammen mit Mari Ito Friesicke am Klavier nicht nur durch ihre Virtuosität, sondern sie offenbarte auch einfühlsame und ausdrucksstarke Musikalität. Den Auftakt des abwechslungsreichen Programms bildete „Recitativo und Scherzo-Caprice “ für Violine solo von Fritz Kreisler (1875-1962. Hier wie in noch stärkerem Maße in der Solosonate von Eugène Ysaÿe (1858-1931) sind Intonationssicherheit und technische Perfektion gefragt, die die Künstlerin überzeugend zu vermitteln vermochte. In der dazwischen erklingenden „Frühlingssonate“ Nr. 5 op. 24 von Ludwig van Beethoven dagegen meisterten die Partner an Klavier und Geige nicht nur perfekt die rhythmische Komplexität dieses beschwingten Werks, sondern schenkten den Zuhörern auch in den melodischen Linien mit ihren rasanten Läufen sonnige Gefühle. Ganz im Gegensatz zur schon erwähnte Solosonate von Ysaÿe mit ihrem teils bedrohlichen und düsteren Kreisen um das Dies-Irae-Thema erklang nach der Pause mit der Sonate g-Moll L 140 von Claude Debussy (1862-1918) ein Werk, das, der Satzbezeichnung des Mittelsatzes entsprechend, fantasievoll und leicht an Wald- oder Strandspaziergänge denken ließ. Auch hier wusste Gina Keiko Friesicke durch sauberste Intonation zu glänzen. Im geschickt vor dem bravourösen Ende platzierten Ausschnitt aus dem Violinkonzert von Peter Tschaikowski (1840-1893) präsentierte die junge Geigenvirtuosin dann noch einmal ihre schon weit entwickelte künstlerische Reife.

In der folgenden Saison 2019/20 werden vielleicht einige Musikliebhaber, die sich bisher an den stets lange im voraus ausverkauften Konzerten nur über die Zeitungsberichte erfreuen konnten, eine Chance haben, diese leibhaftig zu erleben, denn von den 140 im Römer-Museum verfügbaren Plätzen werden dann jeweils 20 in den freien Verkauf gehen.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 23. März 2018
Musikalische Zeitsprünge im Römermuseum

Während die ersten beiden Konzerte der Reihe „Musik im Römer“ solistisch gestaltet waren, begeisterten im letzten Konzert der Saison mit dem Ensemble „Clarino Royal“, bestehend aus Ege Banaz, Kai Bröckerhoff, Daniel Romberger und Ruben Staub, gleich vier herausragende Klarinettisten das wie immer zahlreich vertretene Publikum. Wie schon der Titel „007 Wohltemperiert“ andeutete, nahmen die wettbewerbserfahrenen jungen Musiker, die sich während ihres Studiums in Detmold kennengelernt hatten, die Zuhörer mit auf eine abwechslungsreiche Reise durch Musikepochen und -genres. Sie begannen mit Vertrautem: der Ouvertüre zu „Le Nozze di Figaro“, KV 492 von W.A. Mozart (1756-1791) hier arrangiert von Daniel Romberger. Zu Mozarts Zeiten war es allerdings durchaus üblich, umfangreichere Werke zu sogenannten „Harmoniemusiken“ für Bläser umzuschreiben und Mozart hat dies, nicht zuletzt aus finanziellen Erwägungen, für viele seiner Opern selbst getan. Schon bei diesem leichtfüßigen Beginn zeigten die vier Bläser mit ihren verschiedenen Klarinetten, dass sie mit gutem Ansatz, schöner Atemtechnik und perfekter Balance zwischen den Stimmen den kommenden anspruchsvollen Aufgaben gerecht werden würden. Es folgten “Sieben Klavierstücke in Fughettenform“ op. 126 von Robert Schumann (1810-1856), arrangiert vom Detmolder Dozenten Jost Michaels, den Daniel Romberger in seiner Moderation als „Übervater“ bezeichnete. Die bis auf wenige Ausnahmen eher ruhigen, den Satz-bezeichnungen wie z.B. „Mäßig“ oder „Nicht schnell, leise vorzutragen“ voll entsprechenden, den formalen Vorgaben der Fugenkunst weitgehend folgenden sehr kurzen Stücke stellten einen krassen Gegensatz zum spritzigen Beginn dar ebenso wie zum folgenden, als „skurril“ angekündigten „Petit Quatuor“ von Jean Francaix (1912-1997), mit dem die musikhistorische Reise ja auch schon fast in der Gegenwart anlangte. Der erste Satz „Gaguenardies“ dieses für Saxofone geschriebenen Werkes konnte durch seine spritzig-witzigen Einwürfe der ersten Klarinette ebenso begeistern wie durch den volkstümlich-derben Tanzcharakter; die starken dynamischen Unterschiede wurden mancherorts fast aufschreckend deutlich herausgespielt. Im Gegensatz dazu präsentierte sich die „Cantilene“ in Triobesetzung in langsamem Wiegenliedrhythmus sehr melodisch und getragen, abgelöst von der technisch anspruchsvollen, dem ersten Satz ähnelnden „Serenade comique“, die durch ihre vertrackte Rhythmik exaktestes Zusammenspiel forderte und in einem spaßigen Schluss ausklang. Nach der Pause ging es weiter mit einem ursprünglich für Gitarre und Flöte komponierten Werk des argentinischen „Tangokönigs“ Astor Piazolla (1921-1992) „L‘Histoire du Tango“, das in vier charaktervollen Sätzen den Weg des Tangos aus dem Bordell bis in die Konzertsäle beschreibt. Da, wie Ege Banaz bemerkte, Bach nun einmal überall dabei sein müsse, hatte er das Präludium Nr. 22 b-Moll BWV 867 von J.S. Bach (1685-1750) aus dem „Wohltemperierten Klavier“ für die Besetzung des Ensembles arrangiert - eine interessante Klangfarbe und technisch und musikalisch makellos präsentiert; es mag mancher Bachfreund jedoch die Originalfassung präferieren. Der Zeit- und Stilsprung zum folgenden James Bond Medley, arrangiert von Daniel Romberger, hätte kaum größer sein können, bekannte Filmmusik in neuem Gewand – effektvoll und spannend und in der Ausführung tadellos. Den unbestreitbaren Höhepunkt des Abends bildete jedoch das letzte Stück: der Freudentanz des Klezmer „Itamar Freilach“, arrangiert und an der ersten Klarinette meisterhaft vorgetragen von Ruben Staub. Da zuckten die (Tanz)füße der Zuhörer, da konnte die so typische Mischung von überschäumender Lebensfreude und Melancholie, angeregt von der mal jubelnden, mal weinenden Klarinette so recht das ganze Gefühlsspektrum in Wallung bringen. Für den rauschenden Beifall bedankten sich die vier jungen Künstler mit zwei Zugaben.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 23. Februar 2018
Sympathische Pianistin brilliert mit „Préludes“

Das zweite Konzert der Reihe „Musik im Römer“ gestaltete die junge, bereits in zahlreichen Wettbewerben erfolgreiche Pianistin Hanni Liang, die in Haltern nun schon zum dritten Mal auftrat. Ihr mit „Préludes“ betiteltes Programm stellte sechs der 24 Préludes von Claude Debussy (1862-1918) den sechs Préludes des zeitgenössischen Komponisten Manfred Trojahn (* 1949) gegenüber. Claude Debussy, der als Begründer und wichtigster Vertreter des musikalischen Impressionismus gelten kann, hat die - stets außermusikalischen – Titel jeweils an das Ende der einzelnen Préludes gesetzt, wohl um zu dokumentieren, dass die Stücke auch ohne ihre Kenntnis zu verstehen sind. Zunächst wurden die Zuhörer von der Nr. 2, „Voiles“, in einen flirrend-wogenden Raum mitgenommen, zu dem das Prélude Nr. 7, „Ce qu‘a vu le vent d‘ouest“, welches auf einem Märchen von Andersen basiert, in schroffem Gegensatz erschien. Hier brillierte Hanni Liang kraftvoll und ausdrucksstark und vermochte die ausgeprägte Dynamik und rhythmische Finesse mühelos zu vermitteln. Dieses fast düster-brutale Stück wurde gefolgt von der romantischen Einfachheit des wiegenliedhaften „La fille aux cheveux de lin“, dessen träumerisch-verhangenen Charakter das folgende erste Prélude von Manfred Trojahn aufgriff. Das mit „Déja là, printanier crépuscule“ überschriebene Stück wies aber auch wehmütigere Komponenten auf, wie persistierende Einzeltöne, die an ein Glöckchen erinnern konnten. Das zweite Prélude, „Montagne déchirée“, das nach Hanni Liang das am meisten von Debussy beeinflusste Stück dieses Zyklus sei, klang teils drohend-kraftvoll wie Donnergrollen und stellte erhebliche technische Anforderungen, die Hanni Liang mit Souveränität und Spielfreude meisterte. „La danse retournée“, ähnlich hell wie die Nr. 1, verknüpfte kreisende Läufe mit der Andeutung eines Tanzes, der durch impressionistisch klingende Einsprengsel unterbrochen schien, um nach einem drängend vorwärtsstrebenden Schlussabschnitt unerwartet zu enden.

Nach der Pause ging es weiter mit Debussy – „La Cathédrale engloutie“ - basierend auf einer bretonisches Legende über die versunkene Stadt Ys. Hier entstand aus choralartigen Anfangstakten ein gewaltiges Tongemälde, das die verschiedenen Stationen der heraufziehenden Katastrophe äußerst eindringlich zu schildern vermochte. Im folgenden „Feuilles mortes“ ging es dann wieder ruhiger, aber durchaus düster-träumerisch zu. Die Nr. 24 „Feux d‘artifice klangen dann schon sehr modern, mit starker Betonung auf der Rhythmik. Das dem gegenübergestellte Prélude Nr. 4 von Manfred Trojahn, der neben einer Vielzahl von Opern, Symphonien und anderen Vokal- und Instrumentalwerken nur wenige Klavierwerke schrieb, korrespondierte mit einer gewissen Statik in den Bassfiguren durchaus mit dem zuvor Gehörten. Die „Rêverie“ dann gemahnte mit dem wiederholten Anschlagen eines einzelnen Tones an das Prélude Nr. 2 und regte mit ihrer Zartheit wahrlich zum Träumen an. Dahingegen wirkte die Nr. 6 – „Tel un souper dans le vent“ lebhafter, lauter, wie ein flirrender Wüstenwind am Abend, dabei mit anspruchsvollen kreisförmigen Bewegungen in der rechten Hand. Die sympathische Pianistin bedankte sich mit zwei Zugaben aus der Fantasie von Felix Mendelsohn, die den träumerisch-atmosphärischen Duktus des Abends auf das Lebhafteste ablösten und mit tosendem Beifall bedacht wurden.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 26. Januar 2018
Ein besonderes musikalisches Juwel

Wegen der erst vor kurzem beendeten Ausstellung „Triumph ohne Sieg“ im Römermuseum mussten sich die treuen Gäste der Konzertreihe „Musik Im Römer“ bis Ende Januar gedulden. Im ersten Konzert des neuen Jahres, in dem die von früheren Auftritten her bekannte Violinistin Liv Migdal ein reines Solokonzert präsentierte, wurden sie jedoch für diese Geduld auf das Großartigste belohnt. Aus der Menge der stets hochkarätig besetzten Konzerte der Kulturstiftung Masthoff wird dieser Abend gewiss als besonderes Juwel in Erinnerung bleiben. Das ist dem einzigartigen geigerischen Können der jungen Künstlerin ebenso zu verdanken wie der klugen Auswahl ihres Konzertprogramms, das mit einer Sonate von Bach und der Sonate für Violine solo von Bela Bartok gleich zwei absolute Schwergewichte der Violinliteratur enthielt, die ein Werk des leider kaum gespielten israelischen Komponisten Paul Ben-Haim umrahmten.

Der Abend begann mit der Sonate Nr. 3 von Johann Sebastian Bach (1685-1750), einem viersätzigen Werk, das an das technische Können ebenso wie an das musikalische Verständnis der Interpretin höchste Ansprüche stellte. Dem feierlich anmutenden Adagio des ersten Satzes folgte eine ausgedehnte Fuge, deren geniale Architektur sich in monumentalen polyphonen und kontrapunktischen Konstruktionen darbot. Mit absolut sauberer Intonation, unhörbaren Lagenwechseln und beeindruckender Expressivität in den Doppel- und Mehrfachgriffen offenbarte hier Liv Migdal ihre künstlerische Reife. Der Fuga folgte ein schlicht-schönes melodisches Largo, an das sich im Finale ein der Fuge ebenbürtiges Allegro anschloss, das in seiner tänzerischen Leichtigkeit die Höchstanforderungen an Virtuosität ganz vergessen ließ. Als nächstes Werk hatte Liv Migdal eine Solosonate von Ben-Haim ausgewählt, der als Paul Frankenberger 1897 in München geboren wurde und später bis zu seinem Tode 1984 in Israel wirkte. Das vorliegende Werk entstand 1951 (in nur drei Tagen) als Auftragskomposition für den weltberühmten Geiger Yehudi Menuhin, der es auch 1952 in der Carnegie Hall uraufführte. Inspiriert von Bartoks Solosonate – die nach der Pause zu hören war - ist auch Ben-Haims Sonate durchzogen von Einflüssen der Volksmusik, hier eher der des ostmediterranen Raums. Das Werk begann mit einem Allegro energico, tatsächlich wechselten energische, fast brutal klingende Doppelgriffpassagen mit feinen melodiösen Abschnitten in höchsten Lagen. Der folgende Satz, überschrieben mit Lento e sotto voce, ließ die mit Dämpfer gespielte Geigenstimme wie ein exotisches Rufen aus ferner Wüste klingen und wurde von Liv Migdal mit zu Herzen gehender Einfühlsamkeit gespielt. Das Molto Allegro des Schlusssatzes präsentierte einen funkensprühenden Volkstanz, den die Künstlerin mit sichtlicher Spielfreude und technischer Perfektion präsentierte.

Nach der Pause erklang dann ein in seinen Ansprüchen an das geigerische Können der Solosonate von Bach absolut ebenbürtiges Werk: die Sonate für Violine solo von Bela Bartok ((1891-1945), auch diese 1943 als Auftragswerk für Yehudi Menuhin entstanden, ihm gewidmet und von ihm 1944 uraufgeführt. Dem kraftvoll mit Doppelgriffen durchsetzten ersten Satz folgte eine Fuga, in der volksmusikalische Anklänge hörbar scheinen; beide Sätze verhehlen nicht Rückgriffe auf das Vorbild Bach. Das Adagio des dritten Satzes klang mit seinen Flageolettpassagen flötenhaft sanft und stellte einen rechten Gegensatz sowohl zum Beginn als auch zum expressiven Schlusssatz dar, dessen packenden Charakter Liv Migdal mit begeisternder Expressivität gestaltete.

Als Dankeschön an die Zuhörer erklangen zwei Zugaben – einmal die „Melodie“ von Christoph Willibald Gluck (1714-1787), eine Bearbeitung einer Opernmelodie aus „Orfeo ed Euridice“ und die „Passacaglia“ des Barockkomponisten Franz von Biber – eigentlich Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644-1704) - eine hochvirtuose Variationenfolge über einem Bassthema. Dass Liv Migdal nach einem kräftezehrenden Solokonzert gerade diese Zugaben wählte, die von Hingabe an die Musik, nicht selbstverständlicher Bescheidenheit und Respekt vor dem Publikum zeugten, machte sie noch sympathischer!

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 10. März 2017
Hochdramatisch und sauber intoniert

Das letzte Konzert der „Musik im Römer“ – und wegen einer bevorstehenden Sonderausstellung auch das letzte in diesem Jahr - erwies sich als krönender Abschluss dieser überaus beliebten und hochkarätigen Konzertreihe. Suyoen Kim, Violine, und Annika Treutler, Klavier, hatten mit den drei Sonaten für Klavier und Violine von Johannes Brahms (1833-1897) ein sehr anspruchsvolles Programm im Gepäck. Die beiden jungen, in vielen Wettbewerben bereits hochdekorierten Künstlerinnen waren dem Publikum schon mehrfach begegnet, Suyoen Kim im Jahre 2004 und Annika Treutler mit reinen Klavierprogrammen 2010, 2013 und 2016.

Johannes Brahms bezieht sich in den ersten beiden Sonaten, der Sonate Nr. 1 G-Dur für Klavier und Violine op. 78 mit dem Beinamen „Regenliedsonate“, und der Sonate Nr. 2 A-Dur op. 100, als exzellenter Liedkomponist auf seine sog. „Regenlieder“ bzw. auf die Lieder „Komme bald“ und „Wie Melodie ziehet es“ Die geforderte Balance zwischen dem hohen Streichinstrument und dem vollen Klavierklang gelang Suyoen Kim auf ihrer Stradivari und Annika Treutler am warm gefärbten Bösendorfer Flügel perfekt. Die sehr sanglichen Linien des Beginns, in der tiefen Lage von Suyeon Kim mit elastischer Bogenführung klangschön vermittelt , wie auch der lyrische Beginn des zweitens Satzes auf dem Klavier zu den absolut sauber intonierten Doppelgriffen am Ende dieses Satzes vermittelten einen ersten Eindruck vom gekonnten Zusammenspiel der beiden Künstlerinnen, der im letzten Satz dieser freundlichen Sonate noch verstärkt wurde durch die konzentrierte, mit sparsamen aber ausdrucksstarken und immer der Musik angepassten Bewegungen agierenden Geigerin, die dem Charakter der Brahms‘schen Musik ganz besonders entsprach. Dem fragend wirkenden Anfang der 1886 am Thuner See entstandenen Sonate Nr. 2 glaubt man auch ohne Blick auf die Satzbezeichnung Allegro amabile anzuhören, dass es sich um eine Art Liebeslied handeln muss. Dem zarten Anfang folgten energischere Passagen mit gut herausgearbeiteter Dynamik. Der zweite Satz spielt geschickt mit den Gegensätzen zwischen dem lyrisch-melodischen „tranquillo“ und der tänzerischen Beweglichkeit des „vivace“; beides kommt hier auch sehr ausdrucksstark im Klavier zum Tragen. Das dann wieder träumerisch-liedhafte Rondo des Schlusssatzes erhält durch den überwiegenden Einsatz der tiefen G-Saite eine ganz eigene Klangfarbe.

Nach der Pause erklang die Sonate Nr. 3 in d-Moll op. 108, die ob ihrer dramatischen Gestalt und ihrer Viersätzigkeit auch „Sinfonische Sonate“ genannt wird. So beginnt das Allegro des ersten Satzes mit großem Ton, sehr energischen Einsatz von beiden Partnern fordernd. Die sowohl technisch als auch bezüglich des musikalischen Ausdrucks höchst anspruchsvollen Passagen mit ihren rhythmisch komplizierten Strukturen meisterten die sympathischen Künstlerinnen ebenso souverän, wie ihnen der Übergang zum zweiten Satz gelang, der wieder mit ausgesprochen sanglichem Charakter aufwartete; hier hatte auch das Klavier vermehrt Gelegenheit, zu dieser lyrischen Färbung beizutragen, was Annika Treutler mit feinfühliger Anschlagskultur meisterte. Auch der dritte Satz – Un poco presto e con sentimento – stellte hohe Ansprüche an den Klavierpart. Der letzte Satz, sehr treffend mit „Presto agitato“ überschrieben, griff dann die Stimmung des ersten Satzes auf und endete hochdramatisch.

Das Publikum bedankte sich mit langanhaltendem Beifall und hatte volles Verständnis, dass es nach diesem überaus anspruchsvollen Programm keine Zugabe gab. Mit der Wahl dieser herausragenden Künstlerinnen wie auch mit deren Programm fand die Konzertreihe einen wunderbaren Abschluss, der auf die neue Saison neugierig macht.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 27. Januar 2017
Konzentrierte Spielfreude

Das erste Konzert des neuen Jahres in der Reihe Musik im Römer bescherte den Zuhörern einen Klavierabend besonderer Klasse. Der aus Münster stammende und trotz seiner Jugend bereits in zahlreichen Wettbewerben preisgekrönte Pianist Jun-Ho Yeo riss mit seinem geschickt zusammengestellten Programm das Publikum schon vor der Pause von den Stühlen.

Jun-Ho Yeo begann mit der Sonate in As-Dur Hob. XVI-46 von Joseph Haydn (1732-1809). Der mühelosen Leichtigkeit des ersten Satzes folgte ein einfühlsames Adagio, in dem dennoch sehr klar die Struktur herausgearbeitet wurde. Im anspruchsvollen Presto des Schlusssatzes zeigte Jun-Ho Yeo, wie frisch und modern Haydn klingen kann. Es folgte die Ballade Nr. 3 von Frederic Chopin (1810–1849) in derselben Tonart As-Dur, op.47, die der Pianist mit fein gestalteter Dynamik, technischer Finesse und musikalischem Gespür zu präsentieren wusste. So waren die Zuhörer bereits ein wenig eingestimmt auf die nun folgenden „Réminiscences de Don Juan“ von Franz Liszt (1811-1886). Diese Opernphantasie, basierend auf Mozarts Oper Don Giovanni mit ihren teils sehr populären Melodien , birgt extreme technische Herausforderungen, die im dramatischen Beginn schon anklingen und sich im weiteren Verlauf steigern, um in einem grandiosen Schluss zu enden. Jun-Ho Yeo bewältigte dieses wahre Schwergewicht pianistischer Literatur mit sichtlicher Spielfreude, hochkonzentriert und den halsbrecherischen Anforderungen voll gewachsen, was die Zuhörer im wie stets ausverkauften Römermuseum mit standing ovations bedachten.

Nach der Pause ging es mit den ersten drei Nocturnes aus dem op. 9 von Frederic Chopin in ruhigere Gefilde, um mit dem letzten Stück des Abends dem virtuosen Höhepunkt des ersten Teils einen in der musikalischen Tiefe gründenden, aber nicht minder strahlenden Höhepunkt gegenüberzustellen. Die eher selten im Konzert gespielte Sonate in c-Moll (Nr. 32), op. 111, von Ludwig van Beethoven (1770–1827) birgt in ihren zwei Sätzen die ganze Bandbreite des kompositorischen Schaffens ihres Schöpfers. Insbesondere der zweite Satz mit seinen Variationen, die teils lyrisch, teils fast schon jazzig-tänzerisch daherkommen, entführt die Zuhörer in rätselhafte Welten. Mit schönem Ausdruck in den Piano-Stellen sowie mit kraftvoller, sauberer Intonation in den Fortissimi interpretierte Jun-Ho Yeo auch dieses anspruchsvolle Werk, nach dem es, wie er dem Publikum erklärte, ob der Tiefe des Gehörten traditionellerweise keine Zugabe gibt. Mit langanhaltendem Beifall bedankten sich die begeisterten Zuhörer für diesen wundervollen Klavierabend.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 02. Dezember 2016
Eine unglaubliche Virtuosität
Stürmischer Beifall für vier sympathische Musiker

Bachiana - Musik von Johann Sebastian Bach und seinen Zeitgenossen – diesen Titel hatten vier junge Künstler und Künstlerinnen ihrem Konzert im Römermuseum gegeben. Max Volbert (Blockflöte), Shen-Ju Chang (Viola da Gamba) und Anna Kiskachi (Cembalo), die zusammen schon einmal das Halterner Publikum begeistert hatten, wurden ergänzt von Anne-Suse Enßle (Barockfagott und Blockflöte). Die konzert- und wettbewerbserfahrenen Musiker haben am Salzburger Mozarteum zusammengefunden. Die Vorstellung der einzelnen Stücke übernahm Max Volbers in angenehm natürlicher, gleichwohl informativer und professioneller Weise, die auf seine profunden Kenntnisse des Entstehungsumfelds der zu präsentierenden Musik schließen ließ. Eine Sonatina in a-Moll des Bach-Zeitgenossen Georg Philipp Telemann (1681-1767) eröffnete das Programm und ließ in ihren raschen Sätzen schon ahnen, welches Feuerwerk an Virtuosität, Klangschönheit und musikalischer Ausgewogenheit das Publikum erwarteten würde. Die dann folgende „Cantata per Flauto“ in B-Dur des seinerzeit sehr bekannten und auf die Komposition von Opern spezialisierten Johann Adolf Hasse (1699-1783) kam der Spielfreude der Ausführenden in ihrer Dramatik und effektvollen Gestaltung entgegen, wobei Max Volbers seine technische Könnerschaft niemals zu Lasten der musikalischen Stimmigkeit in den Vordergrund stellte. Auch die Partita für Flöte solo in a-Moll BWV 1013 des titelgebenden Johann Sebastian Bach (1685-1750) erforderte virtuoses Können. In der Sonata I in G-Dur „Solo à Viola di Gamba è basso“ von Carl Friedrich Abel (1723–1787) trat dann Shen-Ju Chang mit ihrer Gambe in den Vordergrund, gefühlvoll begleitet von Anna Kiskachi am Cembalo. Im letzten Stück vor der Pause, einem weiteren Werk des Vielschreibers Georg Philipp Telemann „Trio d-Moll„ zeigten die jungen Künstler in der barocktypischen Folge von langsamen und raschen Sätzen die ganze Bandbreite vom feierlich-getragenen Adagio bis zum mit fast derb-volkstümlich anmutenden Schlussallegro, wobei sich einmal mehr sowohl die schier unglaubliche Virtuosität des Flötisten mit der ruhigen und sicheren Stütze der Bassinstrumente paarte.

Nach der Pause, in der, wie bereits vor dem Konzert, die Zuschauer die Möglichkeit hatten, eine sehr interessante und künstlerisch eindrucksvolle Ausstellung von Fotografien der letzten 50 Museumskonzerte zu betrachten, ging es dann weiter mit einer ursprünglich für Violine komponierten Sonate in E-Dur, BWV 1016 von Johann Sebastian Bach, die in gewohnter Klangschönheit und Präzision vorgetragen wurde, gefolgt von einem Werk für Cembalo solo, das Anna Kiskachi mit großer Spielfreude, hervorragender Technik und begeisterndem Sinn für die dem Stück innewohnende Schalkhaftigkeit präsentierte. Den Abschluss bildete Johann Sebastian Bachs Sonate G-Dur für zwei Flöten und b.c. BWV 1039. Hier vertauschte Anne-Suse Enßle ihr Fagott gegen die Blockflöte, um mit Max Volbers ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel zu zeigen. Im Adagiosatz erklangen Gambe und Cembalo allein und erzeugten so eine ganz eigene Klangfarbe, während das Presto zum Schluss noch einmal alle vier Künstler zu höchster Konzentration auf die rasend schnellen Partien forderte. Für den stürmischen Beifall bedankten sich die Musiker mit einem Satz aus einer Telemann-Sonatine und als das rhythmische Klatschen nicht enden wollte gab es als wahrhaft beglückenden Abschluss noch ein wenig Mozart – wohl auch als Hommage an den Ort, an dem diese so ideale Verbindung hochbegabter Künstler ihren Ursprung hatte.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 02. Dezember 2016
Zauberhafte Momente der Kammermusik
Fotografentrio zeigt ausdrucksstarke Motive von Künstlern

Die zahlreichen Besucher des 50. Kammermusik-Konzertes am Mittwoch im Römermuseum hatten ein Privileg: Sie konnten vor Konzertbeginn von „Max Volbers & Friends“ als erste die eröffnete Fotoausstellung von Dr. Peter Schmidt und Dr. Heinz-Dieter Oelmann aus Haltern sowie Michael Döring aus Gelsenkirchen in Augenschein nehmen - und damit Musik nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den Augen wahrnehmen.

Zum 15-jährigen Bestehen
„Mit den Augen hören, das war die spontane Aussage meiner Frau beim erstmaligen Betrachten der einfühlsamen Fotos des Fotografen-Trios“, sagte Dr. Horstfried Masthoff in seiner Eröffnungsansprache im Foyer. Die von ihm am 24. September 2001 ins Leben gerufene „KulturStiftung Masthoff“ nahm ihr 15-jähriges Bestehen und das 50. Jubiläumskonzert zum Anlass für die „mit der Kamera verlängerten Musikerlebnisse“.

Auf vier Stellwänden hatten die beiden Halterner Fotokünstler Schmidt und Oelmann – im beruflichen Leben als Ärzte eher mit der Heilkunst befasst – sowie der beruflich als Bank- und Finanzkaufmann profilierte Fotokünstler Michael Döring aus Gelsenkirchen, „zauberhafte Momente der Kammermusik-Konzerte“ aus vielen Jahren gemeinsam zusammengestellt – als eigene Komposition. “Das jeweilige Stilmittel und die Motivauswahl ergeben sich meist situativ; auch höre ich dazu auf die Empfehlungen meiner Frau“, erläuterte Michael Döring.

Die ausdrucksstarken Bilder von den Musikern wurden mit der Kamera diskret in Momenten der Hingabe an ihr Musikspiel und an ihre Instrumente erstellt, oft nur mit wenigen Details als Bildausschnitt, sodass der Bildbetrachter den Nachklang der Töne zu hören vermeint.

Mit Musik erfreuen
„Die Betrachter können die Bilder dieser Ausstellung meistbietend käuflich erwerben“, verkündete Dr. Masthoff. „Der Erlös wird der Kulturstiftung zufließen, damit diese auch weiterhin Freunde der Musik im Römermuseum erfreuen kann.“

Wilhelm Neurohr


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 11. März 2016
Virtuose und pompöse Harfenklänge

Die als Soloinstrument nicht allzu häufig zu hörende Harfe stand im Mittelpunkt des 50. Konzerts der beliebten und wie immer ausverkauften Konzertreihe “Musik im Römer“. Die auf zahlreichen Wettbewerben ausgezeichnete Harfenistin Simone Seiler, die bereits 2009, damals im Duo Imaginaire mit dem Klarinettisten John Corbett zu hören war, entführte die Zuhörer in zauberhafte Klangwelten. Simone Seiler begann mit einer dreisätzigen Sonate des berühmtesten Bachsohnes Carl Phillip Emanuel Bach ( 1714-1788), in deren temporeichen Allegropassagen sie in der feinen Herausarbeitung der dynamischen Elemente ihr musikalisches Einfühlungsvermögen und technisches Können bewies. Das folgende Werk des gebürtigen Franzosen Carlos Salzedo ( 1885-1961), der später in den USA wirkte und zu den bedeutendsten Harfenisten des 20. Jahrhunderts zählt, knüpfte nicht nur vom Titel „Variations on a Theme in Ancient Style“, sondern auch in der Klangsprache an die Bachsche Sonate an, die zunächst an perlendes Wasser gemahnenden, dann in kraftvollen Arpeggien sich entfaltenden Variationen verrieten später jedoch klar ihren Ursprung in der Moderne. Die nun erklingende ebenfalls in drei Sätzen geschriebene Sonate in c-Moll der Komponistin Sophia Giustani Dussek war lange ihrem berühmteren Ehemann, dem tschechischen Komponisten Jan Ladislaw Dussek, zugeschrieben worden. Nach einem recht konventionell klingenden Allegro folgte dem getragenen Mittelsatz ein sehr tänzerisches Rondo Allegro, bei dem auch die Hände der Künstlerin zu tanzen schienen. Das letze Stück vor der Pause, „ Impromptu-Caprice“ op. 9, des französischen Komponisten und Dirigenten Gabriel Pierné (1863-1937) versetzte die Zuhörer in impressionistisch geprägte Klanglandschaften; man vermeinte Vögel zu hören oder Wellenbewegungen, die sich in reizvoller Weise mit eher kraftvollen, folkloristischen Passagen abwechselten.

Die nach der Pause erklingende „Fantasie in c-Moll“ für Harfe solo, op. 35 von Louis Spohr (1784-1859) verriet die genaue Kenntnis, die der Komponist von den Möglichkeiten des Instruments hatte. Spohr, der zu Lebzeiten als einer der bedeutendsten deutschen Komponisten galt und daneben als Gesangspädagoge, Dirigent und berühmter Geiger wirkte, hatte diese wunderbare und anspruchsvolle Fantasie für seine erste Frau, die Harfenistin Dorette Scheidler, geschrieben. Die überaus anspruchsvollen Anforderungen dieses bekannten Werkes wusste die Künstlerin mit Hingabe und technischer Brillanz zu erfüllen. Dass sie in den unterschiedlichsten Tonsprachen zuhause ist, bewies Simone Seiler jedoch in der folgenden „Sonate für Harfe allein“ von Paul Hindemith (1895-1963), die gewiss einen Höhepunkt des Abends darstellte. Der Komponist, der vor der faschistischen Diktatur zunächst in die Schweiz und später in die USA floh, schuf mit dieser seiner einzigen Solosonate für Harfe ein bedeutendes Werk für das Harfenrepertoire. In der für ihn typischen Weise überschrieb Hindemith die drei Sätze der Sonate mit deutschen Tempobezeichnungen – Mäßig schnell – Lebhaft – Sehr langsam ( Lied) und Simone Seiler wusste in der ihr eigenen konzentrierten Spielweise sehr eindrucksvoll den dunkel-drängenden, von ausgeprägter Rhythmik gekennzeichneten ersten Satz zu gestalten. Dem wahrlich lebhaften Mittelsatz folgten dann sehr leise, mitunter aus einzelnen Tönen bestehende Passagen, die das berührende Ende vorbereiteten. Vor dem letzten Stück, „ Introduction, Cadenza und Rondo“ des englischen Komponisten Elias Parish-Alvars (1808-1849) erläuterte die Künstlerin die Funktionsweise der modernen Harfe und verwies auf die Ursprünge des Instruments in der altägyptischen Kultur. Parish-Alvars nun gilt als der Erste, der die neuen technischen Möglichkeiten der Doppelpedalharfe zu nutzen wusste und damit Maßstäbe bei der Entwicklung neuer Spieltechniken setzte. Nach sehr melodischem Beginn folgten virtuose Partien, die über tänzerische Abschnitte zu einem pompös-akkordischen Finale führten. Für den anhaltenden Beifall bedankte sich die Künstlerin mit einem jazzigen kurzen Tanzstück, das die Besucher beschwingt auf den Heimweg entließ

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 29. Januar 2016
Großartiger Klavierabend

Schon zum dritten Mal konnten die Zuhörer im wie immer ausverkauften Konzert im Römermuseum die junge Pianistin Annika Treutler begrüßen. Die vielfach mit bedeutenden Preisen ausgezeichnete Künstlerin, von der mittlerweile auch schon eine zweite CD erschienen ist, hatte ein ebenso abwechslungsreiches wie anspruchsvolles Programm vorbereitet. Zu Beginn erklang das Opus 133, „Gesänge der Frühe“, eines der späten Werke Robert Schumanns ( 1810 – 1856), dessen Tempi, wie z.B. „Bewegt, nicht zu rasch“ oder „Lebhaft“ Annika Treutler in den insgesamt fünf Sätzen zu wahren Gesängen auf dem Klavier gestaltete, mit konzentrierter Einfühlsamkeit dort und kraftvoll-expressivem Ausdruck im an ein Jagdlied erinnernden Mittelteil. Einen völlig anderen Charakter als die teils träumerisch klingenden Schumann-Gesänge hatten „ Zehn kleine Klavierstücke“ op. 12 des russischen Komponisten Sergej Prokofieff (1891 -1953), deren Tonsprache eindeutig dem 20. Jahrhundert zuzuordnen ist, auch wenn die an traditionelle Tanzformen gemahnenden Bezeichnungen wie Gavotte, Allemande etc. anderes vermuten ließen. So ist der Marsch nicht martialisch, Gavotte, Rigaudon oder Allemande nur oberflächlich barock und die Mazurka alles andere als etwa an Chopin erinnernd – überall blitzt eine für Prokofieff typische Verfremdung hindurch, die Annika Treutler auf äußerst differenzierte Weise auszudrücken vermochte, wobei die Tücken dieses Werks nicht nur in den teils vertrackten Rhythmen zu finden sind, sondern auch in den mitunter rasend schnellen Läufen oder den Figuren der linken Hand. So brauste nach dem letzten Scherzo, das sich vom feinen Pianissimo atemlos zum Schlussforte aufbaut, schon vor der Pause ein herzlicher Beifall auf, wohl auch weil auffallend war, dass bei allen grandios gemeisterten technischen und musikalischen Herausforderungen die Künstlerin ihre Virtuosität niemals ostentativ zur Schau stellte, sondern bei aller Hingabe und Intensität ihrer Aufführung stets hinter dem Werk zurücktrat.

Und mit gewaltigen Anforderungen ging es gleich nach der Pause weiter. Die Sonate Nr. 10, op.70 des Russen Alexander Skrjabin (1872 -1915) hält sich zwar in ihrem Aufbau in etwa an die traditionelle Sonatenform, stellt aber in ihrer chromatischen und teils atonalen Klangsprache und ihren Trillern und Tremoli höchste musikalische und technische Herausforderungen. Die ohne strenge Metrik dahinfließenden, entfernt an impressionistische Malerei erinnernden melodischen Bögen, die teils düster, teils strahlend hell und flirrend gefärbt sind, versetzten, in dieser einfühlsamen Interpretation die Zuhörer in ein andere Welt.

Einen durchaus „weltlicheren“ Charakter hatte das folgende Werk „ Variationen und Fuge über ein Thema von Händel“ op. 24 des Komponisten Johannes Brahms (1833 – 1897). Brahms widmete dieses Werk der Witwe Robert Schumanns, Clara. Es stellt eine mit technischen Schwierigkeiten nur so gespickte Verbindung zwischen Barock und Hochromantik her und verlangt neben solidem pianistischem Können eine äußerst feine Balance zwischen den sehr unterschiedlichen Tempi und Klangfarben der einzelnen Variationen. Basierend auf einer schlichten Aria aus einer Suite von Georg Friedrich Händel lässt Brahms diese in 25 Variationen einmal mit choralartigen, oder mit fließend-melodiösen, ein andermal in punktiertem Rhythmus alle erdenklichen Präsentationsmöglichkeiten ausschöpfend erklingen und in einer kraftvollen Fuge enden. Hier konnte die sympathische Künstlerin noch einmal alle ihre Spielfreude und Professionalität zum Ausdruck bringen. Für den Beifall bedankte sie sich, zum Beginn zurückkehrend, mit einem Werk Robert Schumanns. Dessen Opus 1, auch bekannt unter der Bezeichnung Abegg-Variationen, bildete den großartigen Abschluss eines rundum gelungenen Klavierabends, stellte es doch sowohl hinsichtlich seiner Qualität als auch seiner Länge ein eher ungewöhnliches Zugabestück dar.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 04. Dezember 2015
Ausflug in ungewohnte Klangwelten

Mit „Phantasie und Leidenschaft“ hatten die beiden jungen Künstler ihr Konzert überschrieben, in dem sie am Mittwoch ihre Zuhörer auf einen wahrhaft multikulturellen Weg mitnahmen. Die ungarische, in der Türkei aufgewachsene und zuletzt in Detmold ausgebildete Flötistin Anita Farkas, die mit Stolz auf eine stattliche Reihe internationaler Auszeichnungen blicken kann, und ihr Duopartner, der aus Serbien stammende Akkordeonist Nikola Komatina, auch er vielfach mit Preisen ausgezeichnet und derzeit an der Folkwang Universität in Essen, spannten einen weiten zeitlichen und stilistischen Bogen. Neben Werken, die eigens für die nicht so häufige Kombination aus Flöte und Akkordeon geschrieben wurden, kamen bei den Soloauftritten auch Originalkompositionen für die einzelnen Instrumente zur Aufführung, wobei vom Barock bis zur Neuzeit, vom leidenschaftlichen Tango bis zur lyrischen Flötenfantasie in abwechslungsreicher Folge die gespannte Erwartung stets erhalten blieb. Die beiden sympathischen Künstler begannen mit einer dreisätzigen Sonate in g-Moll, BWV 1020, von Johann Sebastian Bach ( 1685 – 1750), ursprünglich für Violine oder Traversflöte und Cembalo komponiert, in der vor allem im langsamen Mittelsatz Anita Farkas ihre Flöte gefühlvoll und mit guter Technik einzusetzen wusste, mit dem fein auf sie abgestimmten Akkordeon an ihrer Seite. Sowohl der erste Allegrosatz wie auch das Schlussallegro ließen dann mit temperamentvollem aber doch gebändigtem Tanzcharakter vergessen, dass Bach sie vor mehr als 300 Jahren komponiert hat (wobei strittig ist, ob dieses Werk von ihm oder seinem Sohn Carl Philipp Emanuel stammt). So war der zeitliche Sprung zum russischen Komponisten Anatoli Kusjakow (1945 – 2007), der eine ganze Reihe von Werken für Bajan (das russische Knopfakkordeon) komponiert hat, gewaltig. Aus dessen „Suite für Akkordeon und Querflöte - Fünf spanische Bilder“ präsentierte das Duo den ersten, vierten und fünften Satz. Nach „spanisch“ gefärbtem Beginn verlor sich die Flöte in virtuos ausgeführten impressionistisch anmutenden und von einem fahlen Akkordeonklang begleiteten Passagen, die an eine ausgetrocknete Ebene denken ließen, um dann mit eruptiven Ausbrüchen des Akkordeons den Zuhörer geradezu aufzuwecken, ein Aufruf, dem betont rhythmischen, in drängendem Vorwärts „galoppierenden“ Geschehen zu folgen, in dem sich Flöte und Akkordeon in geringem Tonumfang einander umspielend einem langsam abflauenden Ende näherten. Die dann folgenden düsteren Flötenpassagen über einem ostinaten Akkordeonton wirkten unheimlich, bis sie im melodiösen Ende im piano verklangen. Die folgenden Werke des argentinischen Tangospezialisten Astor Piazolla (1921 – 1992), für Akkordeon solo –„ Flora`s Game“ und der überaus bekannte „Libertango“ boten dann dem ausdrucksvoll und souverän spielenden Nikola Komatino Gelegenheit, das ganze Spektrum seines Könnens zu präsentieren: im zunächst eher langsam und eindringlichen ersten Stück und im mit großer Virtuosität und guter Dynamik vorgetragenen Libertango, der mit seinem packenden Tangorhythmus die Zuhörer mühelos in eine argentinische Bar versetzte.

Nach der Pause hatte Anita Farkas ihren Soloauftritt. Während das Stück „Syrinx für Flöte solo“ des französischen Komponisten Claude Debussy (1862 – 1918) ganz besondere Ansprüche an das musikalische Verständnis und die interpretatorische Sensibilität der Künstlerin stellte, ging es in der ursprünglich für Violine solo komponierten Caprice Nr. 24 des „Teufelsgeigers“ Niccolo Paganini (1782 – 1840) eher um die Bewältigung technischer Raffinessen des schon für Violine äußerst schweren Werkes. Beide Herausforderungen meisterte Anita Farkas souverän und unter Einbeziehung besonderer Techniken, um den Violin-Pizzicato-Passagen nahezukommen, wenngleich dem einen oder anderen Zuhörer die originalen Geigenklänge zugänglicher sein mochten. Die dann wieder vom Duo interpretierte „Phantasie für Flöte und Akkordeon“ des nicht ganz so bekannten Komponisten Wolfgang Jacobi (1894 – 1972) bewegte sich nach tangoähnlichem Beginn und abwechselnd lyrischen und mehr rhythmisch betonten Abschnitten zwar noch im tonalen Raum, war aber seiner Entstehungszeit entsprechend schon recht frei in Harmonik und Form. Mit den nun angekündigten traditionellen Roma-Liedern, „Mesecina“ und „Caje Sukarije“ - „Der Mond“ und „Das süße Mädchen“ - sollte, nach Aussage von Nikola Komatina, der dabei auch auf seine Herkunft aus dem Balkan hinwies, ein Bezug zur Weltmusik geschaffen werden. Zum Erstaunen der Zuhörer hießen diese Stücke nicht nur Lieder, sie wurden von Nikola Komatina auch tatsächlich gesungen. Zu fremdartig, fast orientalisch klingenden Melodien setzte er sein Akkordeon mit sichtlicher Spielfreude und überaus virtuos ein, unterstützt vom lebendigen Klang der Flöte. „Das süße Mädchen“ vermittelte eine vertrauter klingende Melodie. Das Publikum belohnte diese außergewöhnliche Darbietung mit besonderem Beifall. Zum Abschluss erklangen die wohlbekannten „Rumänischen Volkstänze“ Sz. 56 des ungarischen Komponisten Bela Bartok (1881 – 1945), eine ursprünglich für Klavier, später für Orchester komponierte Abfolge von auf rumänischer Volksmusik basierenden Tänzen, die in einer schier unübersehbaren Fülle von Besetzungen angehört werden können, von denen die Fassung für Violine und Klavier zu den bekanntesten gehören mag. So machte die hier präsentierte Version durchaus neugierig und lud zu genauerem Zuhören ein. Für den nicht enden wollenden Beifall bedankte sich das Duo mit zwei Zugaben – einem lebhaften südamerikanischen Tanzstück und dem eher melancholischen „Oblivion“ von Astor Piazolla.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 23. Oktober 2015
Beschwingter Abend

Nach Ausflügen in ungewöhnliche Instrumentenkombinationen begann die diesjährige Konzertreihe „Musik im Römermuseum“ mit einer eher klassischen Formation. Die erst 20jährige Christa-Maria Stangorra, Violine, und ihre Partnerin am Klavier, Daria Parkhomenko, beide noch an der Hamburger Musikhochschule studierend aber dennoch schon mit einer Fülle von Wettbewerbserfolgen ausgezeichnet, hatten mit Beethoven, Brahms und Saint-Saens ein dazu passendes Programm mitgebracht. Die jungen Künstlerinnen begannen mit der letzten von 10 Sonaten für Klavier und Violine, in G-Dur op. 96, die Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) 1812 komponiert und 1815 veröffentlicht hatte. Wie schon der Titel verrät, erfüllt in den Beethovenschen Sonaten der Klavierpart keineswegs eine untergeordnete Begleitfunktion, sondern steht ebenbürtig, wenn nicht an vielen Stellen führend, neben dem Violinpart. Die sich aus dieser Konstellation ergebenden Anforderungen an feinfühliges Aufeinanderhören erfüllten die Musikerinnen mit Bravour. Auch den besonderen Ansprüchen an das musikalische Durchdringen der kompositorischen Textur, die dem Geiger eine Profilierung durch technische Finessen nicht bietet, konnte Christa-Maria Stangorra schon im ersten Satz, Allegro moderato, voll entsprechen. Im zweiten Satz, Adagio espressivo, kam der verträumt-melancholische Charakter durch die sehr sauber intonierten und mit exakter Bogenführung gestalteten langen Linien und Läufe gut zum Ausdruck und auch der fließende Übergang zum tänzerisch-beschwingten, mit volkstümlichen Anklängen versehenen Scherzo Allegro gelang in perfektem Zusammenspiel. Das war auch Voraussetzung, um den zunächst harmlos-einfach wirkenden letzten Satz, Poco Allegretto, zu meistern, denn dieser Variationensatz entpuppt sich dann als Feuerwerk wechselnder Tempi und Klangfarben und steckt voller rhythmischer Vertracktheiten.

Das folgende Werk eines Vertreters der Romantik, Camille Saint-Saens (1835-1921) gehört gewissermaßen zum Kanon geigerischer Virtuosenstücke – „Introduktion und Rondo Capricioso „ Op. 28 und bietet die Möglichkeit, alles verfügbare technische Können zu präsentieren. Die besondere Herausforderung besteht darin, dieser technischen Brillanz auch musikalisches Leben einzuhauchen, was beiden Künstlerinnen mit großer Selbstverständlichkeit gelang. Die zweite Hälfte des Konzertabends war ausschließlich dem Komponisten Johannes Brahms ((1833 -1897) gewidmet. Hatte das Konzert mit einer letzten Sonate begonnen so wurde es nun fortgeführt mit einer ersten – der Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 in G-Dur. Das dreisätzige Werk setzt ein mit einem sehr innig-melodischen Vivace ma non troppo, dessen eingängigen Pizzikatopassagen und kraftvoll ausgeführten Doppelgriffen einfühlsam abgestimmte Klavierpartien gegenüberstehen. Das folgende Adagio, mit seinen Stärken vor allem in den Pianopassagen, klingt herbstlich-wehmütig und erhält im Klavierpart durchaus auch tragischen Charakter. Das fröhlich stimmende Allegro molto moderato des dritten und letzten Satzes kann trotz seines beschwingten Ausdrucks eine gewisse Nachdenklichkeit nicht verleugnen und so war für manche Zuhörer der in großer Ruhe ausklingende Schluss überraschend. Als letztes Stück ihres Vortrags hatten die beiden Künstlerinnen eine von Alfred Moffat bearbeitete Version eines der Ungarischen Tänze von Johannes Brahms gewählt. Die 21 Ungarischen Tänze waren ursprünglich für Klavier zu 4 Händen komponiert, einige davon hat Brahms selbst orchestriert; sie gehören zu seinen populärsten Werken. Der von Christa-Maria Stangorra und Daria Parkhomenko hier präsentierte Tanz Nr. 6 eröffnete den beiden Künstlerinnen noch einmal die Möglichkeit, in den teils mitreißend-temperamentvollen, teils getragen-dramatischen Passagen dieses eher kurzen Werkes die ganze Bandbreite ihres Könnens zu zeigen. Für den anhaltenden Beifall bedankten sie sich mit einem weiteren Ungarischen Tanz, dem wohlbekannten Nr. 1, und entließen dann die Zuhörer beschwingt in den nebligen Oktoberabend.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 13. März 2015
Eine Technik, die begeisterte

Selten hat ein Konzert die Zuhörer so begeistert in den Abend entlassen wie das Klavierkonzert der 1993 in Bielefeld geborenen und mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichneten Hanni Liang. Das lag nicht nur am Programm, das in seinem ausgewogenen Wechsel von Werken der Klassik und Romantik zu gefallen wusste, sondern ganz wesentlich an der erfrischenden Leichtigkeit der Moderation, mit der die sympathische Hanni Liang das Publikum in die Welt der Stücke eintauchen ließ, bevor sie diese in hervorragender Technik und mit großem musikalischem Einfühlungsvermögen vortrug.

Als erstes interpretierte Hanni Liang die Sonate C-Dur, KV 330 von Wolfgang A. Mozart (1756-1791), die sie als Ausdruck purer Lebensfreude und Glücksseligkeit charakterisierte. Lediglich der langsame Mittelsatz, Andante cantabile, dessen über die Zeit hinausweisende etwas düstere Wehmut von Hanni Liang ausdrucksstark mit feiner Dynamik präsentiert wurde, mochte an Mozarts Trauer über den Tod der geliebten Mutter gemahnen, sowohl das anfängliche Allegro moderato wie das Allegretto des Schlusssatzes offenbarten jedoch die ganze Weltzugewandtheit Mozarts ebenso wie die Spielfreude der Pianistin, die auch in den temporeich dahin perlenden Läufen nie den Überblick verlor. Dabei verstärkte der warme Klang des Schimmel-Flügels die heiter-beschwingte Atmosphäre perfekt. Die folgende Fantasie fis-Moll op. 28 von Felix Mendelsohn-Bartholdy (1809-1847) drücke nach Hanni Liangs Beschreibung für sie keineswegs den ihr zugeschriebenen Jammer und tiefsten Schmerz aus, sondern eher reine Sehnsucht. So steigerte sich das Werk vom etwas dunklen, melodiösen Beginn zu einem kraftvoll und mit viel Ausdruck vorgetragenen ersten Höhepunkt, ging dann im Allegro con moto in einem mehr rhythmisch geprägten, auf jeden Fall helleren Charakter über zum Presto des Schlusses, der mit seinen rasanten Läufen eine schier atemberaubende Technik erforderte. Die durch die fordernde Bassstimme verstärkten, schon fast expressiven Ausbrüche weisen dabei weit über Bartholdys Zeit hinaus. Der nach einem melancholischen Zwischenspiel mit ekstatischen Läufen eingeleitete Schluss offenbarte die andere, äußerst energische und kraftvolle Seite der jungen Pianistin.

Nach der Pause ging es mit Beethoven wieder zurück in die Klassik. Hanni Liang präsentierte ihre Lieblingssonate C-Dur op.2 Nr. 3 von Ludwig v. Beethoven (1770-1827) in der ihr eigenen Spielfreude, die trotzdem nie auch nur ansatzweise den Eindruck von unnatürlicher Pose erwecken konnte. In schöner Dynamik, mal mozarthaft elegant, mal kraftvoll, mal in rhapsodischen Läufen, mal in typisch synkopischer Rhythmik schien Liang mit den technischen Herausforderungen zu spielen. Im zweiten Satz, dem Adagio, das mit seinem aus einer einfachen Tonfolge gestalteten Thema eindrucksvoll die Genialität des Komponisten offenbarte, bot sich der Interpretin ein breites Spektrum gestalterischer Möglichkeiten, die sie mit künstlerische Reife demonstrierender Souveränität nutzte. Das temperamentvolle Scherzo leitete über zum Allegro assai, dessen eher zum tanzenden Mittun auffordernder Charakter zu keiner Zeit an Beethovensche Schicksalsschwere gemahnte. Den Komponisten der Ungarischen Rhapsodie Nr. 13, Franz Liszt (1811-1886), charakterisierte Hanni Liang als den umjubelten Popstar seiner Zeit, als den Virtuosen schlechthin, bei dessen Erscheinen die anwesenden Damen in Ohnmacht fielen. Das wäre in Haltern dann ja das Los der anwesenden Herren gewesen, die aber lieber gespannt das abwechslungsreiche Spiel Hanni Liangs genossen. In typischer "Zigeunerweisen"-Manier begann dieses Werk mit einer sehnsuchtsvollen Melodie, die in ihrer Verhaltenheit durch die Erwartung dessen, was da nun noch kommen könnte, eine ungeheure Spannung erzeugte; alles scheint "Vorspiel" bis dann die eigentliche Zigeunerweise in ihrer unglaublichen Rasanz die Beine zucken lässt und in einem grandiosen Schluss endet. Den brausenden Applaus des Publikums belohnte Hanni Liang mit gleich zwei überaus anspruchsvollen Stücken, einmal dem lautmalerischen "Jeux d'eau" (=Wasserspiele), das Maurice Ravel 1901 komponierte, sowie der ebenso die Phantasie beflügelnden Konzertetüde von Franz Liszt, "Waldesrauschen", die beide die Zuhörer zumindest akustisch schon in den Frühling mit Wellengeglitzer und Sonnenflecken entführten.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 30. Januar 2015
„Alte Bekannte“ im Museum

Zum ersten Konzert im neuen Jahr konnten die Zuhörer im wie immer ausverkauften Römermuseum zwei gewissermaßen "alte Bekannte" begrüßen: die schon 2012 umjubelte junge Geigerin Liv Migdal und ihren Klavierpartner Jongdo An, der im Januar 2014 als Solist begeistert hatte. Das mit Bedacht zusammengestellte Programm führte nicht nur durch verschiedene musikalische Epochen, sondern auch in verschiedene Kulturkreise. Die zu Beginn erklingende Mozartsonate KV 379 entsprach in ihrer fein phrasierten und mit gut herausgearbeiteten, niemals forciert oder aggressiv wirkenden Dynamikunterschieden ganz der Klangvorstellung der Mozartzeit, so im innig-warm klingenden Adagio, in dem auch das Klavier mit filigranen Läufen brillierte. Nach dem munter und lebendig daherkommenden Allegro erklangen dann im 3. Satz Variationen über ein klares einfaches Thema als Dialoge zwischen Geige und Klavier, mal kraftvoll, mal fast mit romantischem Charakter, um im Andante mit der Rückkehr zum Hauptthema leicht und fröhlich zu enden. Obgleich der Komponist der nun folgenden Sonate Nr. 6 op. 30/1, Ludwig van Beethoven, ja gewissermaßen noch Zeitgenosse Mozarts ist, eröffnete sich nun dem Zuhörer ein ganz anderer Klangkosmos mit komplexeren Harmonien und größeren Dynamikunterschieden. Das frisch und positiv gestimmte Allegro verlangte der Geige nun einige "Spitzen" und technisch anspruchsvolle Läufe in höheren Lagen ab, die Liv Migdal brillant meisterte. Im folgenden Adagio kam die stellenweise fast wehmütig klingende Innigkeit des "molto espressivo" voll zum Ausdruck; der Schlußsatz wirkte da wie eine aufmunternde Antwort auf den vorhergegangenen Satz - muntere Variationen, bei denen sprudelnde Läufe das Thema umspielten. Die Arpeggien und Akkorde der Geige waren äußerst solistisch und ausdrucksstark gestaltet, wobei die für Beethoven so typischen Septakkorde mit Auflösung den deutlichen Gegensatz zu Mozarts Musik kennzeichneten.

Die nach der Pause erklingende Solosonate des israelischen Komponisten Paul Ben-Haim (1897-1984) führte nun in eine ganz und gar andere Klangwelt. Die energisch-kraftvollen Klänge wurden im Allegro immer wieder abgelöst durch zarte, schwebende hohe Passagen, die an volkstümliche arabische Melodien denken ließen. Der folgende Satz , vorgetragen mit Dämpfer, was den fremdländischen Charakter verstärkte, erinnerte an eine aus der Ferne hereinscheinende wehmütige Melodie, deren Ton im Verlauf voller wurde und als leises Echo wieder ertönte, alles innig und vibratoreich vorgetragen und authentisch orientalisch klingend. Das Molto allegro riß dann mit wilden schnellen Läufen und Rhythmen mit, der hemmungslos und frei wirkende Charakter dieses Satzes ließen die dafür nötige perfekte Präzision von Spieltechnik und Intonation fast vergessen. Die Sonate Nr. 2 op. 94 a des russischen Komponisten Sergej Prokofieff (1891 -1953) stellte ohne Zweifel den bravourösen Abschluß des Konzertabends dar. Im Moderato bestach die Geige mit sehr klarem sauberem Klang, mit dem Liv Migdal ganz in die Tiefe der Prokofieffschen Musik drang. Die sehr anspruchsvollen Passagen waren hervorragend intoniert mit sehr gut herausgearbeiteten Höhepunkten, was auch auf die ausgelassenen wilden Läufe des Presto zutraf, das über expressive warme Melodien dann rasant endete. Darauf wirkte das folgende Andante fast beruhigend, sehr dunkel und warm; hier trat nunmehr auch das Klavier mehr in den Vordergrund, während das Schluß- allegro erneute Kontraste erklingen ließ. Hier wurden Elemente aus den vorangegangenen Sätzen wieder aufgenommen, neben sehr anspruchsvollen Geigenläufen erklang hier ein eindringliches Klaviersolo des wunderbar einfühlsam spielenden Jongdo An.

Den anhaltenden Applaus der Zuhörer belohnten die beiden jungen Künstler, die Spielfreude und ernsthafte Auseinandersetzung mit der Musik gleichermaßen verkörperten, mit zwei Zugaben, einem feurigen Czardas von Monti und einem gefühlvoll-innigem Werk von Ben-Haim.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 28. November 2014
Seltene Instrumentenkombination

Das zweite Konzert der Reihe Musik im Römer bot den Zuhörern eine eher seltene Kombination: die Harfenistin Sarah Christ und der aus Tschechien stammende Hornist Přemysl Vojta unternahmen eine Reise durch die Epochen vom Barock bis zur Moderne. So erklang zu Beginn eine ursprünglich für Cello geschriebene Sonate von Antonio Vivaldi (1678 - 1741), die mit ihrem typischen Wechsel von langsamen und raschen Sätzen schon die ganze Bandbreite des technischen und musikalischen Könnens der beiden gut aufeinander abgestimmten Künstler offenbarte. Das folgende hochromantische Impromptu Des-dur, op. 86 , von Gabriel Fauré (1845 - 1924) komponiert für Harfe solo, bot nun Sarah Christ Gelegenheit, die virtuose Beherrschung ihres Instruments genial mit innigem Ausdruck zu verknüpfen, wobei vor allem die fein herausgearbeitete Dynamik bestach. Dem nächsten Werk, einer Sonate für Naturhorn und Harfe, op. 2 des eher unbekannten französischen Komponisten Louis F. Dauprat (1781 - 1868) war sowohl in seinem tänzerisch fröhlichen ersten wie auch im melodisch einfallsreichen zweiten Satz anzuhören, dass sein Schöpfer auch selbst ein versierter Hornist gewesen war, die anspruchsvollen Partien meisterte Přemysl Vojta mühelos und ausdrucksvoll. Die "Drei Fantasiestücke" op. 73 von Robert Schumann ( 1810 - 1856), ursprünglich für Klarinette und Klavier komponiert, muteten in der Besetzung Harfe und Horn recht fremdartig, gleichwohl sehr eingängig an, sowohl der eher wehmütige erste wie auch der freundlich-offen klingende zweite Satz; der "Rasch und mit Feuer" überschriebene dritte gewann geradezu an Ausdruck durch die ungewohnte Instrumentierung. Nach der Pause erklang eine deutsche Erstaufführung: Aus einem mit "Le Tombeau de Bohumil Hrabal" titulierten und 2014 eigens dem Interpreten gewidmeten Werk des zeitgenössischen Komponisten Michael Vogt (*1959) wählte Vojta zwei Sätze, die auf den Alkoholkonsum Hrabals und ein missglücktes Interview Bezug nahmen; unter Anwendung einer Fülle moderner Spieltechniken erweckte Vojta mühelos in der Fantasie des Hörers das Bild des brummigen Literaten in der Kneipe, der sich den schnatternden Zumutungen einer Journalistin geschickt entzieht. In der dann folgenden Fantasie für Harfe solo des Komponisten und Harfenisten Charles Oberthür (1845 - 1924) über Themen aus der Oper Hänsel und Gretel führte Sarah Christ mit ihrem wunderschönen Instrument die Zuhörer wieder in gewohntere musikalische Gefilde; und auch das letzte Werk des Abends, eine Sonate des Niederländers Jan Koetsier ( 1911 - 2006), war, trotz modern anmutender Anfangsklänge und jazzig-bewegtem temperamentvollem Ende, eher in der spätromantischen Klangwelt einzuordnen. Nach ausgiebigem Beifall präsentierten die beiden sympathischen Künstler als Zugabe und passend zur späten Stunde ein wunderbar melodiöses Nocturno von Franz Strauß, dem Vater des berühmteren Richard Strauß.

Heidi Siegel

Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 24. Oktober 2014
In Liebe zur Barockmusik vereint

Das erste - wie stets ausverkaufte - Konzert der Konzertreihe "Musik im Römermuseum" wurde von drei jungen Künstlern präsentiert, die aus so unterschiedlichen Ländern wie Deutschland, Taiwan und Russland stammen, die aber die Liebe zur Barockmusik eint, denn ausschließlich dieser Epoche hatten sie ihr spannendes Programm gewidmet. Der junge Flötist Max Volbers, der, wie Horstfried Masthoff in seiner Begrüßung bemerkte, nicht nur aus Deutschland, sondern gar aus dem Münsterland stammt, und seine Partnerinnen, die Gambistin Shen-Ju Chang und am Cembalo die Moskauerin Anna Kiskachi, vermittelten ihren Zuhörern auf überzeugendste Weise, dass weder Barockmusik langweilig sein muss noch die Blockflöte ein harmloses Kinderinstrument ist. Mit einführenden Erläuterungen zu den jeweiligen Werken und Komponisten bereiteten die Drei ihr Publikum auf den folgenden Hörgenuss vor. Mit einem Werk des in Italien geborenen, in England verstorbenen Violinisten Nicola Matteis (um 1650 - 1713) erfolgte sogleich ein furioser Auftakt, bei dem Max Volbers seine Sopranblockflöte in waghalsigen Verzierungen über der Basslinie von Cembalo und Gambe, die dem Namen des Stückes "Diverse Bizzarie" entsprachen, erklingen ließ. Das dann folgende Werk des seinerzeit ungemein populären Neapolitaners Francesco Mancini ( 1672 - 1737), in dem Cembalo und Viola da Gamba in feinem Zusammenspiel mit der Flöte sich ganz und gar nicht auf die Rolle des Basso continuo beschränken mussten, stellte ähnlich hohe technische Anforderungen an die Ausführenden, ließ aber trotz des eher geringen zeitlichen Abstandes der Schaffenszeit der Komponisten deutlich hören, dass Mancini sich schon auf den Zenit der Barockmusik hinbewegte, was in den sehr schön herausgearbeiteten Unterschieden der einzelnen Sätze von den drei Künstlern mit technischer Perfektion und musikalischem Einfühlungsvermögen präsentiert wurde. Während die Namen der ersten beiden Komponisten wohl nur den Fachkundigen vertraut waren, erklangen mit dem nun folgenden Werk von Arcangelo Corelli (1653 -1713), der Sonate Nr. 4 in F-Dur aus dem op. 5, einer Sammlung von 12 Sonaten für Violine und BC, vertrautere Töne. Corelli gilt als "Erfinder" des Concerto grosso, schrieb ausschließlich Instrumentalmusik, vornehmlich für "sein" Instrument, die Violine und war bis Anfang des 19. Jahrhunderts der Komponist mit den meisten verlegten Werken. Die technisch überaus anspruchsvollen Flötenpartien meisterte Max Volbers mit großer Sicherheit scheinbar mühelos; das ganze Trio schien sowohl in den langsamen als auch den raschen Sätzen als ein Organismus zu atmen, die Spielfreude, gepaart mit feinem Aufeinanderhören, trug sie bis zum triumphierenden Ende dieser Sonate. Das folgende Werk, eine antike - und nach den Worten der Interpretin sehr "gambistische" - Bearbeitung einer original für Violine komponierten Sonate Ingnazio Albertinis (1644 - 1685) begann sehr virtuos und offenbarte dann im langsameren und sehr melodiösen Teil die Klangfülle und spezielle Klangfarbe der Gambe. Auch die anspruchsvoll tänzerischen Partien meisterte Shen-Ju Chang souverän , sauber und ausdrucksstark Als letztes Stück vor der Pause erklang eine kurze, wie fast alle Werke ursprünglich für Violine komponierte Canzone des frühbarocken Komponisten Tarquino Merula (1595 -1665), Programmmusik unter dem Titel "La Pighetta", das Täubchen, in dem die Flöte sich in höchsten Tönen bewegte, begleitet von Cembalo und Gambe in überaus vertrackten Rhythmen und daher stellenweise schon fast modern klingend.

Nach der Pause ging es im Frühbarock weiter, Max Volbers setzte eine sich durch ihre spezielle Gestalt auszeichnende Renaissance-Altflöte ein, um das Werk "Sonata Seconda" des kaum bekannten Komponisten Dario Castello (um 1600 - 1658) zu interpretieren. Die deutlich in eine frühere Epoche verweisende Sonate überraschte mit den überaus virtuosen Verzierungen der Flöte, aber auch mit langen melodischen Linien im langsamen Teil und mit ungewöhnlichen Harmonien, die vor allem den Schluss prägten. Nun hatte das Cembalo seinen großen Auftritt. Die Sonaten Domenico Scarlattis (1685 - 1757) sind heute meist auf dem modernen Konzertflügel zu hören, waren aber natürlich alle ursprünglich original für das Cembalo komponiert. Anna Kiskachi präsentierte das als "Übungsstück" für die spanische Prinzessin Maria Barbara geschaffene Werk temperamentvoll und geistreich in voller Hingabe. An ihrem wunderschönen Instrument vermittelte die junge Künstlerin nicht nur einen perfekten Hörgenuss, sondern gleichzeitig erfreute der ästhetisch-harmonische Anblick das Auge. Im dann folgenden erst kürzlich wiederentdeckten Werk des Angelo Berardi (um 1636 - 1694), einer Canzone für Violine, glänzte noch einmal Max Volbers mit seiner stupenden Virtuosität, die im Wechsel der Sätze gefühlvoll traurig-klingende Partien ebenso lebendig werden ließ wie spielerisch-tänzerische mit teils modern anmutenden Tonfolgen. Die sehr populäre und in unzähligen Bearbeitungen vorliegende Sonate "La Follia" von Arcangelo Corelli bildete den krönenden Abschluss des wunderbaren Konzertes. In den vielgestaltigen Variationen über das Follia-Thema hatten auch Shen-Ju Chang mit ihrer Viola da Gamba und Anna Kiskachi noch einmal Gelegenheit, ihr ganzes Können zu zeigen. Für den begeisterten Applaus bedankten sich die sympathischen Künstler mit zwei Zugaben, einer Bearbeitung einer Corelli-Gavotte mit verblüffendem Ende und der berühmten Händel-Arie "Lascia ch'io pianga " aus der Oper Rinaldo.

Heidi Siegel


Foto: Dr. Schmidt

Ein Celloabend der Extraklasse

Die beiden Cellisten Claudius Popp (geb. 1982) und Simone Drescher (geb. 1990) machten das letzte Konzert dieser Saison am 12.03.2014 zu einem außergewöhnlichen Erlebnis. Ob als Duo oder als Solisten, die Musiker entlockten ihren Instrumenten faszinierende Klänge. Mit dem ersten Satz der technisch anspruchsvollen Cello-Solosuite von Caspar Cassado stellte Popp sein außergewöhnliches musikalisches Talent unter Beweis. Drescher spielte das Solostück Gramata cellam des lettischen Komponisten Peteris Vasks, der darin alle Möglichkeiten des Violoncellos als Soloinstrument auslotet, mit einer Intensität und Hingabe, die frappierten, zumal sie dem Melodienbogen zusätzlich mit ihrer Gesangsstimme Ausdruck verlieh. Auch als Duo überzeugten diese Virtuosen, in deren Ausbildung es viele Parallelen gibt, in jeder Hinsicht. Beide begannen ihre Hochschulausbildung als Jungstudenten an der Hochschule für Musik Detmold bei Professor Gotthard Popp, Simone Drescher im Alter von 12 und Claudius Popp im Alter von 10 Jahren. An der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin bestand Popp im Jahr 2003 sein Diplom und 2007 sein Konzertexamen, jeweils mit Auszeichnung. Drescher bereitet sich nach der Erlangung des Diploms z. Zt. an eben dieser Hochschule auf ihr Konzertexamen vor. Beide sind Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes und gewannen zahlreiche renommierte Wettbewerbe. Beide haben den GWK-Musikpreis erhalten. Beide sind kammermusikalisch tätig, spielen aber auch mit bekannten Orchestern zusammen. Claudius Popp ist im Orchester der Staatsoper Unter den Linden in Berlin unter Vertrag; die acht Jahre jüngere Simone Drescher läßt sich noch alle Optionen offen.


Foto: Dr. Schmidt

© Ruhr Nachrichten, 25. Januar 2014
Der Zauber der Musik
Unerwartetes Solo-Konzert entpuppte sich als Volltreffer für Pianist und Publikum

Vielleicht waren die erwartungsfrohen Zuhörer im wie immer ausverkauften Römermuseum ein wenig verwundert, nicht wie gewohnt das gedruckte Programm auf ihren Plätzen aufzufinden, das ihnen Mozart, Beethoven und Ravel verheißen hätte, präsentiert von der jungen Geigerin Liv Migdal, die gewiss noch in bester Erinnerung seit ihrem Konzert im Januar 2012 war. Aber Horstfried Masthoff lieferte bei seiner Begrüßung die Begründung: das oft Befürchtete, aber zum Glück und mit vielen Beschwörungen bisher nie Eingetretene war nun doch einmal geschehen - Liv Migdal hatte aufgrund einer akuten Krankheit kurzfristig absagen müssen. Im Laufe des Abends entpuppte sich dieser Umstand - für die Zuhörer - jedoch keinesfalls als Verlust, denn der junge Pianist, der Liv hätte begleiten sollen, zeigte überaus eindrucksvoll seine solistischen Qualitäten . Was natürlich bei seiner Vita auch nicht verwundert: Jongdo An, geboren 1986 in Südkorea und schon früh Student am Mozarteum vervollkommnete er seine Studien bei Prof. Marian Migdal in Hamburg, dem Vater der erkrankten Geigerin. Neben dem Gewinn des renommierten Concours Long-Thibaud-Crespin in Paris 2012 ist er Preisträger einer ganzen Reihe hochkarätiger Wettbewerbe. Sein Programm bestand aus nur zwei Werken, die aber mit Leichtigkeit hinreichten, einen ganzen Konzertabend mit musikalischem Reichtum zu füllen.

Es erklangen zunächst die Davidsbündlertänze op. 6 von Robert Schumann. Dieses Werk entstand im Jahre 1837, kurz nachdem sich Schumann mit der Klaviervirtuosin Clara Wieck verlobt hatte. Der Davidsbund war keinesfalls ein real existierendes Gebilde, sondern ein im Zuge von Schumanns musikkritischer Tätigkeit kreiertes fiktives Bündnis halb realer und halb erfundener Gestalten, davon stellten zwei die divergierende Seiten seiner eigenen Persönlichkeit dar: der stürmerische Florestan und Eusebius, der stille Träumer. Diesen beiden sind die 18 einzelnen Stücke der Davidsbündlertänze gewidmet . Schon im Gegensatz des ersten zum zweiten , und dann folgend in den sich immer wieder zwischen Bezeichnungen wie z.B. "wild und lustig" (13) oder "ungeduldig" (4) abwechselnden Abschnitten zeigten sich die besonderen Qualitäten des jungen Pianisten: sein mit größter Innigkeit einerseits aber dann auch wieder mit kraftvoller Klarheit dargebrachtes Eingehen auf die vom Komponisten wohl so intendierten Stimmungsbilder. Dabei paarten sich sauberer und doch weicher Anschlag und fein herausgearbeitete Dynamik mit einer wunderbaren Selbstverständlichkeit des Spiels, die es jedem Hörer erlaubte, sich augenblicklich im Fluss der Musik zu verlieren und fallen zu lassen. Stellten die Davidsbündlertänze rein formal eher einen aus willkürlich aneinandergereiht scheinenden Stücken bestehenden musikalischen Dialog dar, so ist die nach der Pause erklingende Sonate Nr. 21 in B-Dur, D 960 ein streng nach kompositorischen Regeln geschaffenes Werk, das in einer Art Zyklus zusammen mit den Sonaten Nr. 19 und 20 im Jahre 1828 kurz vor Schuberts frühem Tod entstand und erst einige Jahre später erstmals veröffentlicht wurde. Es galt lange als wenig bedeutend und errang erst spät seinen heutigen Rang im Repertoire der Pianisten. Die Sonate, deren Sätze mit Molto moderato, Andante sostenuto, Scherzo und Allegro überschrieben sind, wird von verschiedenen Interpreten in der unglaublichen Varianz der Länge zwischen 40 und 60 Minuten dargeboten, was ahnen lässt, wieviel interpretatorische Freiheit dieses Werk zu bieten hat. Diese Freiheit vermochte Jongdo An mit wunderbarer Einfühlsamkeit zu nutzen, von den fast tragisch anmutenden Passagen des ersten Satzes mit charakteristischen Trillern im Bass bis zu den lyrischen und teils choralartigen Klängen des zweiten Satzes. Im Scherzo dann erlebten die Zuhörer - nicht zum ersten Mal - die ganze Virtuosität des Künstlers, die bei ihm aber niemals der Selbstdarstellung dient und konnten im etwas rätselhaften letzen Satz sich noch einmal dem ganzen Zauber der Schubertschen Musik , die gerade in dieser Sonate auch Anklänge an sein Liedschaffen - man denke an die Winterreise- zeigt, hingeben. Für den langanhaltenden Beifall für diesen wunderbaren, unerwarteten Klavierabend bedankte sich Jongdo An mit einem Nocturne von Chopin, dem man anhörte, wieviel inneres Ergriffensein dem Künstler die Hände führt. Und damit nicht genug - es folgte eine zweite Zugabe, ein sehr tänzerisches, geradezu jubelndes kurzes Werk des Barockkomponisten Jean- Philippe Rameau - das die Zuhörer beglückt in die neblige Januarnacht entließ.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 22. November 2013
Einmaliger Klang beeindruckt

Im Rahmen der Konzertreihe "Musik im Römermuseum" hatte die Kulturstiftung Masthoff zum zweiten Konzert der Wintersaison eingeladen und wie seit langem gewohnt war auch dieser Abend restlos ausverkauft. Die junge Harfenistin Jasmin-Isabel Kühne, vielfach dekorierte Preisträgerin verschiedener Harfenwettbewerbe, darunter auch des GWK - Förderpreises Musik 2012, sollte die Zuhörer mit ihrem Instrument in eine zauberhafte Klangwelt entführen. Neben dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe als "Hausherr" des Römermuseums und der Kulturstiftung Masthoff tritt die GWK = Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit als Initiator der Museumskonzerte auf, worauf Dr. Horstfried Masthoff bei seinen Begrüßungsworten hinwies. Die Atmosphäre des Römermuseums mit den teils im Halbdunkel, teils in zartem Licht liegenden Exponaten korrespondierte geradezu ideal mit dem Glanz eines wunderschönen Instruments, dessen Klang Horstfried Masthoff mit einer Mischung aus Laute und Klavier verglich, dessen Ursprünge aber schon in alttestamentarischer Zeit zu finden seien, denn schon König David habe sich am Spiel der Harfe erfreut. Und so lud er ein, sich von der Engelsmusik dieses "königlichen" Instruments verwöhnen zu lassen.

Zu Beginn erklang ein Impromptu des französischen Komponisten und Saint-Saens-Schülers Gabriel Faurè (1845 -1924), das in seinem Wechsel zwischen temperamentvollen und unendlich zart klingenden Passagen einen idealen Zugang zum Klangkosmos der Harfe eröffnete. Jasmin-Isabel Kühne zeigte schon hier die technisch perfekte Beherrschung ihres Instruments bei gleichzeitig überaus inniger musikalischer Einfühlsamkeit. Nach diesem ersten Werk übernahm sie selbst sehr charmant und informativ die Moderation ihrer nun folgenden Interpretationen. So wusste sie zu berichten, dass die Werke von Louis Spohr (1784 - 1859) und Pierick Houdy (* 1928) jeweils für deren als Harfenistinnen tätige Ehefrauen geschrieben waren, wobei sie mit einem Augenzwinkern ob der technischen Ansprüche vermutete, die Kompositionen könnten als Ansporn gedient haben. Spohrs Fantasie op. 35 wurde in ihrer freien Form ihrem Namen ganz und gar gerecht. Nach iberisch klingendem Beginn erklangen überaus melodische Läufe und Arpeggien im Mittelteil, manchmal glaubte der Zuhörer, den Klang eines ganzen Streichquartetts vernehmen zu können, den die junge Künstlerin mit dezentem Körpereinsatz ihrem Instrument entlockte. Die folgende Sonate vom zeitgenössischen französisch-kanadischen Komponisten Pierick Houdy konnte mit etwas fremdartigen Klängen ihre Entstehungszeit (1955) nicht verleugnen, allerdings hielt sich Houdy sehr streng an die vorgegebene dreisätzige Form, in der ein rhythmisch betonter kraftvoller erster Satz vom zum Schluss fast meditativ wirkenden Lento abgelöst wurde, um im abschließenden lebhaften Vivo recht modern klingend zu enden. Vor der Pause erklang dann ein Solostück für Harfe der französischen Harfenistin Henriette Rènie (1875 - 1956), das im ersten Teil durch seine schreitende Basslinie Vorstellungen einer Wanderung durch Wald, Gebirge und große Landschaften erweckte, der zweite, sehr lebhafte und ein wenig dramatische Abschnitt mündete in einem melodiösen dritten Teil, der in einem choralartigen, durch Akkorde und Arpeggien geprägten Schluss endete. In der Pause war die Künstlerin umringt von interessierten Zuhörern, denen sie lächelnd alle Fragen beantwortete, so erfuhr man u.a. , dass sie mit vier Jahren mit dem Klavierspiel begonnen hatte, um dann im Alter von zehn zur Harfe zu wechseln; aber auch zu technischen Fragen gab es einiges zu erfahren.

Nach der Pause erklang eine Suite des britischen Komponisten Benjamin Britten (1915 - 1976), der eher als Opernkomponist oder als Schöpfer des erschütternden "War Requiem" bekannt ist. Das fünfsätzige Werke begann mit" Ouverture" und "Toccata" , temperamentvoll, mit teils jazzartigen Rhythmen , abgelöst vom "Nocturne", das als "Nachtstück" tatsächlich sehr düster, mysteriös über einem sich stets wiederholenden Bassmotiv verharrte. Die folgende" Fugue" wirkte dagegen sehr lebendig und zart , mit der abschließenden "Hymn", die getragen und ernst daherkommend Kirchenliedanklänge vermittelte bis zum strahlenden Ende, das im zartesten Pianissimo ausklang. Dem nun folgenden, als einzigem nicht original für Harfe komponierten Stück, vom russischen Komponisten Mili Balakirew (1804 - 1857) aus einer Komposition Michail Glinkas arrangierten "L `Alouette" (Die Lerche) stellte Jasmin -Isabel Kühne das zugrundeliegende (Liebes-)Gedicht voran, das sie gekonnt und sehr eindringlich rezitierte. Die Musik dazu klang, wie von Glinka nicht anders zu erwarten, sehr russisch, melodiös und sehnsuchtsvoll. Auch zum vorletzten Werk wusste die Künstlerin einiges zu berichten. Das Stück des amerikanischen Komponisten Garrett Byrnes (* 1971) " Valley of Butterflies", entstand 2011 anlässlich eines Türkeiaufenthalts des Komponisten und ist ursprünglich fünfsätzig. Die Sätze "Tiger Swallowtail" über einen schwarzgelben Schmetterling und "Dragonfly", d.h. Libelle, erklangen hier im Römermuseum in deutscher Erstaufführung! Die von verschiedenen ungewohnten Klangeffekten geprägten Passagen vermochten sehr eindrucksvoll den gaukelnden Flug eines Schmetterlings oder das aggressivere und von plötzlichen Richtungswechseln geprägte Flugverhalten einer Libelle klanglich zu simulieren, die Mimik der Künstlerin vermittelte dabei eindrucksvoll ihre Spielfreude. Mit dem Schlussstück , einem Werk des belgisch-französischen Komponisten Felix Godefroid (1818 -1897), kehrte die Künstlerin in vertrautere Klangwelten zurück. Es kreist um die bekannte Melodie vom Hut mit den drei Ecken, die auch schon Komponisten wie z. B. Paganini oder Chopin zu vergleichbar virtuosen Variationswerken inspirierte. Für den üppigen Beifall und den obligatorischen Blumenstrauß - der im Übrigen farblich perfekt zu den Amphoren in den Vitrinen und dem Abendkleid der Harfenistin passte - bedankte sich die sympathische Künstlerin mit einer Zugabe.

Heidi Siegel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 11. Oktober 2013
Exzellenter Hörgenuss

Ohne Zugabe ließen die Zuhörer die Musiker nicht von der Bühne: Das Antares Bläserquintett aus Detmold sorgte zum Auftakt der diesjährigen Konzertreihe im Römermuseum für einen exzellenten Hörgenuss.

Fünf Blasinstrumente: Eine solche Besetzung sei bisher in der Konzertreihe noch nicht zu Gast gewesen, sagte Dr. Horstfried Masthoff bei der Begrüßung der Gäste im ausverkauften Museum.

Mit dem Antares Bläserquintett konzertierte erneut ein Ensemble in Haltern, das bereits mehrfach in Wettbewerben ausgezeichnet wurde, dessen Musiker aber dennoch am Anfang ihrer Karriere stehen.

Gerade diesen jungen Künstlern bietet die Konzertreihe, die von der Kulturstiftung Masthoff, dem LWL-Römermuseum und der Gesellschaft zur Förderung der westfälischen Kulturarbeit getragen wird, seit 2003 ein Forum. Die Besetzung ist international, die Temperamente sind unterschiedlich und gerade aus dieser Spannung bezieht das Antares Quintett seine Energie und Spielfreude, die sich schnell als Hörfreude auf die Besucher übertrug.

Gabriele Bertolini (Italien, Querflöte), Masako Kozuki (Japan, Oboe und Englischhorn), Zsigmond Kara (Ungarn, Klarinette), Peter Lork (Deutschland, Horn), und Borja Aras Durá (Spanien, Fagott) brillieren besonders dann, wenn sie zwischen dem kontrastreichen Dialog der Instrumente und der Harmonie des Ensembleklangs ein fulminantes Wecheselspiel entwickeln können.

Das Programm des Abends bot ihnen dazu mehrfach die Gelegenheit. Es spannte den Bogen vom Divertimento B-Dur von Joseph Haydn zu den Ungarischen Tänzen von Ferenc Farkas.

Vier Konzerte bietet die Reihe in diesem Winter. Am 20. November ist die Harfenistin Jasmin-Isabell Kühne zu Gast. Diese Veranstaltung, wie auch alle anderen der Reihe, ist bereits ausverkauft.

Jürgen Wolter


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 9. März 2013
Stürmischer Applaus

Am 21. April 2010, also vor gut drei Jahren, hatte eine Nachwuchspianistin, Annika Treutler, gerade einmal zwanzig Jahre alt, die Besucher des Konzerts im Römermuseum durch die Sicherheit und Perfektion ihres Spiels, aber auch durch eine bewundernswerte Gestaltungskraft in einem anspruchsvollen Programm zu Beifallsstürmen hingerissen. „Die junge Frau wird ihren Weg machen“ war der Eindruck, den sie hinterließ und der sich kurz darauf in einem Konzert mit der Neuen Philharmonie Westfalen in Recklinghausen bestätigte. Inzwischen ist sie schon bis nach Berlin gekommen zu Konzerten mit dem Deutschen Sinfonieorchester Berlin und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, um nur einige weitere Stationen zu nennen.

Nun zum Programm in Haltern. Eine kritische Anmerkung sei gestattet: sowohl das Programm für die ganze Saison wie auch dementsprechend die Ankündigung hatten Werke von Franz Schubert, Johannes Brahms, Edvard Grieg und (auch) Franz Liszt genannt. Statt dessen gab es im ersten Teil des Konzerts Werke von Joseph Haydn und Robert Schumann, nach der Pause ausschließlich fünf Stücke von Franz Liszt. Wer über das Konzert berichten soll, möchte sich schließlich in etwa darauf einstellen, und Ähnliches mag wohl auch für die meisten Zuhörer gelten.

Andererseits: Annika Treutlers Spiel, gerade von Liszts Werken, provozierte geradezu Stürme von Applaus. „Liszt erwarb sich als Pianist legendären Ruhm. Entscheidend für seine Entwicklung zum virtuosen Pianisten war seine Begegnung mit Paganini, die ihn zur Erarbeitung einer der Violintechnik vergleichbaren Spieltechnik auf dem Klavier anregte. Sein Klaviersatz geht in seinen spieltechnischen Anforderungen weit über den seiner Zeitgenossen hinaus.“ (Herders Großes Lexikon der Musik). Annika Treutlers großartige Spieltechnik wurde den klavieristischen Paradestücken vollauf gerecht. Man konnte durchaus den Eindruck haben, dass ihre künstlerische Potenz in den drei Jahren noch gewachsen ist.

Das zeigte sich schon vorher bei Haydns schöner Fantasie C-Dur in einem flüssigen Spiel mit großer Spielfreude – Haydn mal ganz anders als bei der Schablone vom „Papa Haydn“ – und vor allem in Robert Schumanns Fantasie C-Dur op. 17. „Durchweg phantastisch und leidenschaftlich vorzutragen“ verlangt der Komponist vorweg, aber auch „durchweg leise zu halten“ für dieses auch satztechnisch und pianistisch schwierige Stück. Annika Treutler ist diesen Anforderungen voll gerecht geworden. Noch in diesem Jahr wird sie mit der Münchener Philharmonie in Gasteig und bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern Tschaikowskis Klavierkonzert Nr.1 spielen. Wenn es bis dahin nur nicht so weit wäre….! Der große Beifall, den sie erhielt, brachte zwei Zugaben: doch noch Grieg mit dem bekannten „Hochzeitszug auf Troldhaugen“ und etwas total Konträres zu Liszt: ein Stück gläserner Klarheit und Strenge von Olivier Messiaen.

Josef Wessel


Foto: Dr. Schmidt

© Ruhr Nachrichten, 19. Januar 2013
Ein großartiges Team
Vier Violinen begeistern die Zuhörer

So weit man zurückblicken mag auf die große Zahl der Konzerte im Römermuseum mit den unterschiedlichsten Instrumentalkombinationen: vier gleiche Instrumente, jetzt also Violinen, hatte es wohl noch nicht gegeben. Man machte sich also auf den Weg und fragte sich: Geht das überhaupt, ein ganzes Abendprogramm ohne die Bassgrundierung von Viola, Cello oder Kontrabass?

Es ging – und es ging sogar sehr gut. Professor Breuninger, nicht das erste Mal zu Gast in Haltern, hatte mit Kira Kohlmann, ebenfalls hier nicht unbekannt, auch zwei seiner Studenten an der Musikhochschule Karlsruhe, Stefan Krznaric und Felix Wulfert, mitgebracht. Was die Vier dann, salopp gesagt, hinlegten, begeisterte die Konzertbesucher von Mal zu Mal mehr. Breuninger hatte zu Beginn darauf hingewiesen, dass in der Kammermusik Werke für vier Violinen rar sind und daher auch auf Bearbeitungen zurückgegriffen werden musste. Egal, ob Bearbeitung oder Original, es entstand ein farbiges Panorama von Musik aus Klassik bis Gegenwart, von Spanien (Pablo de Sarasates „Navarra“) bis Polen und Ungarn. Abwechslung entstand auch dadurch, dass neben vier Stimmen auch kleinere Besetzungen zu Gehör kamen.

Es fehlt der Platz, auf die immerhin sieben Stücke des reichhaltigen Programms im einzelnen näher einzugehen. Möglich ist aber eine Gruppierung. Aus dem Klassisch-Romantischen bestach ein Quartett von Ignaz Lachner durch Mozart nicht ferne entzückende Melodik, aber auch feuerwerksartige Spritzigkeit vor allem der 1. Violine, die sozusagen den den Zenith des Feuerwerks darstellte. Zwei Variationszyklen mit je einem markanten und bekannten Thema gaben auch einem weniger erfahrenen Hörer die Gelegenheit, dem Fluss der sich entwickelnden Thematik ohne große Mühe zu folgen: Charles Dancla‘s Variationen über „Ah! Vous dirai-je Maman“, besser bekannt als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“, und von demselben Komponisten, einem Franzosen, „Le carneval de Venise“ op.119 mit dem drolligen Thema „Mein Hut, der hat drei Ecken“. Der dritte Komplex, nationale Musik umfasste neben dem schon genannten de Sarasate die Musik zweier fast noch zeitgenössischer Komponisten: Miklós Rósza mit einem Rückgriff auf Melodik und Rhythmik ungarischer Volksmusik, der auch Filmmusik (z. B. für Ben Hur) geschrieben hat, und der polnischen Komponistin Grazyna Bacewicz (1909 bis 1969), die mit einer Sonate für vier Violinen, dem vielleicht interessantesten Stück des Konzerts, vertreten war.

Noch eine Bemerkung: Zu sagen, die beteiligten Geiger hätten sehr gut kooperiert, würde ihnen nicht gerecht. Die Vier waren ein großartiges Team; es gab keine Rangunterschiede wie oftmals in großen Orchestern, und jeder konnte mit jedem die Stimme tauschen, auch der Professor. Vielleicht trug auch diese Erkenntnis zu dem herzlichen Applaus bei.

Josef Wessel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 17. November 2012
Zwischen Musik und purer Artistik

Jeder überhaupt an Musik Interessierte kennt die Blockflöte, aber viele sehen in ihr und in dem, was man mit ihr an Klang hervorbringen kann, gerade mal ein brauchbares Instrument für Kindergarten und Grundschule. Immerhin dauerte es nach der Blütezeit im Barock rund 150 Jahre, bis die Blockflöte wieder als seriöses Instrument anerkannt und entsprechende Musik für sie komponiert wurde, volkstümliche Spielmusik zunächst, dann Gebrauchsmusik geringerer Schwierigkeit und schließlich sogar solistische und auch zeitgenössische Kompositionen.

Schon einmal, im Dezember 2008, hatte es bei den Konzerten im Römermuseum Musik für Blockflöte und Cembalo gegeben; auch damals war ein weiter Bogen von spätmittelalterlicher bis zu zeitgenössischer Musik für die Blockflöte gespannt worden. So auch am vergangenen Mittwochabend, wo Tabea Debus die Hörer mit ihrem brillanten Spiel, ihrer erstaunlichen Fingerfertigkeit und auch dem schnellen Wechsel der verschiedenen Größen und Stimmlagen (sogar zwei von drei Blockflöten gleichzeitig spielend) begeisterte. Anders war diesmal nur die Begleitung: statt Cembalo Barockcello und Theorbe als „Basso Continuo“ (auch Generalbass genannt). Johannes Berger am Cello und Kohei Ota an der Theorbe begleiteten die Flötistin sehr unaufdringlich und behutsam; Berger überzeugte als Solist einer Sonate von Antonio Vivaldi und einer weiteren von Boismortier; dabei übernahm Frau Debus die Rolle des Cellisten im Generalbass. Die Theorbe ist ein relativ unbekanntes Instrument, entstanden im Italien des 16. Jahrhundert, beliebt auch als Soloinstrument, aber mehr im Generalbass eingesetzt. Im Grunde ist sie eine Basslaute, die aber im Lauf der Zeit von anderen Instrumenten abgelöst wurde. Man kann Bau und Klang dieses Instruments schlecht beschreiben; einige Konzertbesucher nutzten deshalb die Pausenzeit, sich dies vor Ort von Herrn Ota erklären zu lassen.

Auch geographisch gesehen, war der Bogen weit gespannt: England, Frankreich, Italien, letzteres mit packenden „Vestiva i colli, Variationen über einen Choral von Palestrina“ von de Selma. Und Deutschland? Nun, seinem Vertreter war nebst dem Japaner Maki Ishii Zeitgenössisches zugedacht; fast zwei Stunden Barockmusik können auch unter Umständen ermüden. Da wirkte eine Komposition „east-green-spring“ des Japaners wie ein Adrenalinstoß. Toll, was Tabea Debus hier im Solospiel brachte: verschwimmende Intervalle bei einer anderen Anblastechnik, rasende Läufe – und jeder konnte seine Phantasie spielen lassen, was das wohl zu bedeuten habe. Gegen ende des Programms gab es dann noch „Außer Atem für 3 Blockflöten und einen Spieler“ von Moritz Eggert (geb. 1965), bei dem Tabea auf zwei Blockflöten gleichzeitig spielte und zwischendurch auch noch eine von beiden gegen die dritte austauschte. Und enthusiastischen Beifall erntete. Wie dünn die Grenzen zwischen Musik und purer Artistik war, mag jeder selbst für sich entscheiden.

Josef Wessel

Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 28. September 2012
Ein unterhaltsamer Bach

Mit dem Konzert am vergangenen Mittwoch gingen die Konzerte im Römermuseum in die zehnte Saison. „Konzerte Junger Meister“ hieß es gewöhnlich im Untertitel. Diesmal jedoch stellten sich zwei nicht mehr ganz junge Musiker dem Publikum: Niko Mintchev, Violine, inzwischen Konzertmeister im Sinfonieorchester Wuppertal, und Atilla Aldemir, Solobratscher im selben Orchester, bildeten eine eingespieltes Team, das, wie sich herausstellte, für einige Überraschungen gut war. Man mochte mit einiger Skepsis in ein Konzert gegangen sein, welches zwei doch immerhin sehr verwandte Instrumente bestreiten sollten. Zudem ist ja die Literatur für Violine und Bratsche recht klein, verglichen zum Beispiel mit der für Violine und Klavier, so dass es oft auf Bearbeitungen hinausläuft.

Bearbeitungen gab es dann denn auch, aber was die beiden daraus machten, ließ die Zuhörer staunen. Erster Programmpunkt: Johann Sebastian Bach, Zweistimmige Inventionen für Klavier solo, BWV 772 – 786. Was unter den Händen eines Cembalisten mehr nach Harmonie, jedenfalls gleichförmiger erklingen mag, erhielt durch das Spiel zweier Instrumente schärferes Profil; es glich manchmal dem Gegenüber zweier „Duellanten“, die gleichsam in Rede und Gegenrede, These und Antithese, Frage und Antwort stritten. Dazu noch die großartige Spielkunst der beiden Instrumentalisten! Die Hörer waren begeistert: Bach kann auch unterhaltsam sein.

Und dann der Sprung von Barock zur Klassik. Das Duo für Violine und Viola Nr.1 G-Dur von W. A. Mozart brachte den Kontrast der Musikperioden: dort Eigenständigkeit der Stimmung, hier Führung und Geleit, dort polyphone Strukturen, hier schöne Harmonie. Es war eine sehr einleuchtende Demonstration zweier unterschiedlicher Musikkulturen.

Im zweiten Teil des Konzerts ging es international und näher Gegenwart zu. Vom Böhmen Bohislav Martinu (1890-1959) gab es „Drei Madrigale für Violine und Viola“, vom Türken Ahmet A. Saygun ein Stück aus seiner Suite „Demet“ (Blumenstrauß), in Melodik und Rhythmus ganz Vorderer Orient; schließlich noch „Duo für Violine und Viola nach G.Fr. Händels „Suite Nr.7 für Cembalo“ von dem Dänen Johan Halvorsen (1864-1935). Wer diese Händel-Suite schon kannte, muss sich köstlich amüsiert haben: Hier wurde die barocke Erhabenheit auf geistvolle Weise verulkt – Händel möge es verzeihen!

Die beiden Musici bedankten sich für den nicht enden wollenden Applaus der begeisterten Zuhörerschaft auf ihre Weise: nach dem Trubel der letzten Programmstücke gingen sie zurück an den Anfang und spielten noch einmal gerade die beseelteste der Bach-Inventionen.

Josef Wessel

Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 17. März 2012
Alle Ohren richten sich aufs Saxophon

Als der belgische Instrumentenbauer Adolphe Sax 1840 das dann nach ihm benannte Saxophon als neues Mitglied der Familie der Holzblasinstrumente entwickelte, dachte er natürlich an dessen Einsatz in der E-Musik. Das gelang ihm nicht; es gibt nur wenige Ausnahmen, z.B. in der Arlesienne-Suite von Bizet oder in Ravels „Bolero“. Dafür reussierte das Saxophon bei Militärkapellen und in der Jazz-Musik. Wenn es heute auch in der „klassischen“ Musik zu Ehren kommt, dann, mangels eigener Literatur, in Transskriptionen für in Klang und Tonlage ähnliche Instrumente wie Gambe, Bratsche und Horn.

Das Grundproblem bleibt aber: wie schafft man es, dabei den je eigenen Charakter des Musikstücks zu bewahren, in der Auswahl wie im Vortrag? Im Konzert im Römermuseum am vergangenen Mittwoch stellten sich zwei junge Musiker dieser Herausforderung, Simon Hanrath mit dem Tenorsaxophon und Roman Rofalski am Klavier. Um es schon vorwegzunehmen: sie haben sie großartig bestanden. Natürlich galt das Interesse der Zuhörer vor allem dem Saxophonisten – wann hört man schon mal diese Art von Musik? Schumanns „Fantasiestücke“ op.73 tragen sie Untertitel „Zart mit Ausdruck“, „Lebhaft und leicht“ und „Rausch mit Feuer“, und so wurde auch gespielt. Eine Sonate von J. S. Bach für Gambe und Cembalo (BWV 1029) beeindruckte vor allem in den schnellen Sätzen durch eine gekonnte Spieltechnik; fragen darf man freilich, ob gerade im langsamen Mittelsatz Gambe und Cello ersetzbar sind.

Dieses Problem der Austauschbarkeit stellte sich weit weniger im weiteren Programm mit Werken von Michael Glinka und Paul Hindemith. Bei letzterem bestach vor allem das gute Zusammenspiel im Sinne eines „Konzertierens“. Naturgemäß richtete sich das Interesse der Hörerschaft stärker auf das doch relativ fremdartige Saxophon. Darüber sollte aber nicht vergessen werden, wie sehr der Pianist durch seine einfühlsame Begleitung zum Gelingen des Abends beigetragen hat. Und er überließ gleichsam das letzte Wort seinem Partner mit dem Werk eines Zeitgenossen „Beat me“ für Tenorsaxophon solo. Zuvor hatte Hanrath sich noch auf nette Art beim Publikum für sein Interesse bedankt.

Josef Wessel


Foto: Dr. Peter Schmidt

© Ruhr Nachrichten, 21. Januar 2012
Beseeltes Spiel mit dramatischen Wechseln
Glanzvolles Konzert im Römermuseum

In der langen Reihe der Konzerte im Römermuseum stellte das vom vergangenen Mittwoch etwas Besonderes dar. Um einmal vom Ende her zu berichten: selten hat es einen derartig lang anhaltenden Beifall gegeben und die Solisten gleichsam zu zwei Zugaben provoziert: die Geigerin zu einem halsbrecherischen Stück von Paganini und beide Künstler zu einem Czardas von Monti für Klavier und Geige, der noch einmal die Herzen höher schlagen ließ.

Nun aber zum eigentlichen Programm des Abends. Liv Migdal, geboren 1988 in Herne, und Hubert Rutkowski, schon in jungen Jahren Professor für Klavier an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, boten ein Programm, das einem Gang durch die Musikgeschichte glich: für das Barock Bach, für die Klassik Beethoven, für die Wende von der Klassik zur Romantik Schubert, für die Anfänge der Neuen Musik Debussy und Hindemith. Den Hauptpart des Abends bestritt die junge Geigerin mit Werken für Violine Solo: die Sonate Nr.2 a-Moll BWV 1003 von J. S. Bach und gleichfalls eine Sonate op.31 Nr.2 von Paul Hindemith. Bei den Sonaten für Klavier und Violine Nr.10 G-Dur op.96 von Beethoven, einem Rondo von Schubert und der Sonate g-Moll von Debussy war sie starke Partnerin des Konzertpianisten Rutkowski, der sie behutsam begleitete und ihr offensichtlich den Vortritt ließ.

Man ist gewöhnt und findet es meistens selbstverständlich, dass im Rahmen eines größeren Orchesterkonzertes der Solist des Abends auswendig spielt. Wenn aber wie am Mittwoch die Solistin das komplette Programm samt Zugaben mit höchstem Anspruchcharakter wie etwa bei Bach auswendig spielt, fast zwei Stunden lang, ist das schon bewundernswert. Bedeutsamer noch ist die „handwerkliche“ Fertigkeit mit Bogenführung und Grifftechnik, wie sie bei Bachs Fugen für eine polyphone Stimmführung erforderlich ist. Entscheidend ist aber das beseelte Spiel mit dramatischem Wechsel von Forte zu Piano, von starkem Ausdruck und leiser Innerlichkeit und vor allem einer inneren Glut. Das alles war bei Liv Migdals Spiel zu hören und zu erleben, und selbst Konzertbesucher, die Bach „zu schwer“ finden, waren begeistert von diesem großartigen Spiel. Das allein schon hätte den Abend unvergesslich werden lassen.

Aber das war ja nicht alles. Eine andere Welt tat sich auf mit Beethoven, eine andere Mentalität, auch eine andere Sprache mit dem hier eher dominanten Klavier. Auch ein etwas anderer Beethoven als der der 5. Sinfonie, gegenüber der Bachschen Dramatik eine heitere Seite, Melodien fast volksliedhafter Melodik, friedliche Stimmung, aber auch fröhliche, fast übermütige Ausbrüche. Alles in allem, die Tatze des Löwen trug hier einen Handschuh.

Wem Hindemith fremd war, fand in der Violinsonate vielleicht einen gewissen Zugang, einmal bei dem drolligen Mittelsatz mit Pizzicato-Spiel, aber auch im dritten Satz mit den Variationen über Mozarts Lied „Komm, lieber Mai“. (Hindemith hatte der Sonate den Untertitel „Es ist so schön Wetter draußen“ gegeben.)

Debussy komponierte die Sonate für Violine und Klavier g-Moll als letztes größeres Werk vor seinem Tode. Kein Wunder, dass über dem Werk ein melancholischer Schleier zu liegen scheint. Im letzten Werk des Abends kam noch einmal zum Ausdruck, wie vielfältig doch die Sprache der Musik ist. Man muss beiden Solisten dankbar sein für einen Abend, der so unterschiedliche Epochen lebendig werden ließ.

Josef Wessel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 26. November 2011
Riesige Spannweite

Am Mittwochabend war es wieder so weit: zweites Konzert der Saison im Römermuseum, dieses Mal mit Sabine Grofmeier, Klarinette (schon ihr dritter Auftritt in Haltern) und Ramon Jaffé, Violoncello. Nun werden die Programme der vier Abende schon lange vorher festgelegt, und auch beim jeweiligen Konzertabend mag noch einiges geändert worden sein. Diesmal aber gab es etwas Neues und Ungewohntes: beide Musiker fühlten sich vom Publikum im besten Sinne provoziert, ihre Instrumente auch verbal vorzustellen, und so entstand im Laufe des Abends eine sehr kommunikative Atmosphäre, in der auch weitere Änderungen des Programms nicht nur verkraftet, sondern als angenehm empfunden werden konnten. Dabei ergab sich eine Spannweite, die J.S. Bachs Suite für Viloncello solo Nr.3 C-Dur (BWV 1009) bis zu einer Eigenkomposition Ramon Jaffés reichte, die er bei den Baden-Badener Festspielen am 1. November dieses Jahres uraufgeführt hatte.

Goethe lässt im „Vorspiel auf dem Theater“ zum „Faust“ den Direktor sagen: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“ Das darf wohl auch für ein Konzert gelten. Und selbst bei Bachs Suiten für Soloinstrumente stehen neben tiefem Sichversenken in pure Melodik-Ketten und gleichsam einem Gespräch mit sich selbst fast spritzige und energiegeladene alte Tanzformen wie Bourrée und Gigue. Beides brachte Jaffé unter Verzicht auf Noten großartig zu Gehör. Auch Sabine Grofmeier schaffte beides: warmen, wohllautenden Klang besonders in den tiefen Lagen bei Beethoven (klang manchmal fast mozartisch) und natürlich auch bei Mozart selbst, und dann mit Piazzollas „Libertango“ eine atemberaubende Apotheose dieses Tanzes. Als Solistin spielte sie das wohl interessanteste, von einer kaum bekannten Komponistin stammende Werk von Ilse Fromm-Michaels „Stimmungen eines Fauns“ für Klarinette solo op.11, das einen sehr persönlichen Stil erkennen lässt und von Frau Grofmeier mit großer Einfühlsamkeit vorgetragen wurde.

Prächtiges Zusammenspiel zeigte sich auch bei Paradestücken wie „Summertime“ von George Gershwin, „Moon River“ aus „Frühstück bei Tiffany“ und last not least bei dem berühmten „Hummelflug“ von Rimsky-Korsakoff.

In seiner nonchalanten Art nahm Jaffé nach dem letzten Stück den zu erwartenden Beifall schon vorweg und kündigte als Zugabe „Take Five“ von Paul Desmond an. Bei einer blieb es nicht: noch einmal „Summertime“ – begeistertes Ende eines begeisternden Abends.

Josef Wessel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 22. Oktober 2011
Dramatische Ton-Mosaike

Der Pianist Gerhard Vielhaber, geboren 1982, ist schon mehrmals bei den Konzerten im Römermuseum zu Gast gewesen. Beim ersten Konzert der neuen Saison setzte er mit einer Programmänderung einen neuen Akzent.

Er spielte ein Werk des zeitgenössischen Dirigenten und Komponisten Tobias Rokahr (geb.1972) „Reconnaissance“, dem Vielhaber eine Einführung widmete. Wie bei einem Werk neuer Musik zu erwarten, produzierte das bei dem Konzertpublikum recht unterschiedliche Wertungen; das ging vom abwertenden „Das war wohl nichts“ über ein freundlich-skeptisches „Na ja“ bis zu einem um Verständnis bemühten „Sehr interessant!“ Das erst kürzlich uraufgeführte Werk bewegt sich durchaus in den Bahnen einer erweiterten Tonalität und verzichtet auf klavieristische Allüren. Es ist ein Spiel mit Einzeltönen und kurzen Tonfiguren, die sich zu einem Ton-Mosaik vereinen. Neben momentanen akkordischen Ausbrüchen stehen fast „klassische“ Passagen; viele von letzteren könnte man durchaus als eine nachdenkliche Musik bezeichnen. Vielhaber brachte mit diesem Werk einen neuen Ton in die Programmatik der Museumskonzerte. Dafür Dank!

Zur Einführung gab es Werke von Chopin, darunter auch die brillant vorgetragene „Grande Valse Brillante“ Es-Dur. Im Liszt-Gedächtnisjahr folgten dann auch Klavierbearbeitungen von Franz Schuberts Liedern aus „Schwanengesang“, die weniger bekannt sein dürften, und dem „Erlkönig“; letzteres Lied spielte Vielhaber mit einer Intensität, die die originale Gesangsform an Dramatik noch zu überbieten schien. Aber dann zum Abschluss Schubert original mit der Sonate A-Dur D 959. Malte Korffs Schubert-Buch sieht in ihr (und zwei weiteren) den Höhepunkt von Schuberts Sonatenschaffen. Wenngleich nicht lange vor seinem allzu frühen Tod komponiert, strahlt sie Wärme, eine harmonisch-melodische Fülle und sogar noch Lebensfreude aus, die die Bitterkeit der „Winterreise“ vergessen lässt. Vielhaber spielte mit einer Hingabe und Empathie, die diesen Abend zu einem Erlebnis machten und ihm verdienten, lang anhaltenden Applaus brachten.

Josef Wessel

Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 19. März 2011
Faszinierende Gegensätzlichkeit

Im letzten Konzert dieser Saison im Römermuseum war wegen der Erkrankung eines Solisten ein personeller Wechsel und damit ein Programmwechsel notwendig geworden: statt Violine und Violoncello nunmehr ein Geigen-Duo, Kira Kohlmann und ihr Professor an der Musikhochschule Karlsruhe, Laurent Breuninger. Als nun gleich beim ersten Stück die junge Geigerin mit Johann Sebastian Bachs Sonate für Violine solo a-Moll begann und vor allem im 2.Satz der Fuge ein frappierendes Spiel lieferte, fiel der Groschen: Frau Kohlmann hat schon einmal, am 16. Januar 2008, im Römermuseum Bach gespielt! Es sei einmal erlaubt, aus meinem damaligen Zeitungsbericht zu zitieren: „J.S. Bach, Chaconne aus der Partita Nr.2 d-Moll BWV 1004 – welch ein Erlebnis, dieses Meisterwerk einmal statt von der CD original zu hören! Was hier der Solistin an technischem Können abverlangt wird, ist unglaublich. Doppelgriffe, Bariolagespiel bei gebrochenen Akkorden, dazu die Bogenführung, das alles bewältigte Frau Kohlmann nicht nur überzeugend; sie gab ihrem Spiel eine bewundernswerte Beseeltheit. Als zum Schluss noch einmal das achttaktige Thema verklungen war, herrschte zunächst ergriffenes Schweigen, bevor begeistert applaudiert wurde.“ Kira Kohlmann ist inzwischen drei Jahre älter, ihr Spiel vielleicht noch reifer.

Sodann die „Sonate pour deux violons seul“ des Belgiers Eugène Ysaÿe, selbst ein begnadeter Geiger, Freund oder Zeitgenosse von Komponisten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie Franck, Chausson, Debussy, Elgar, Fauré. Lehrer und Schülerin wirkten nun zusammen. Man erlebte staunend, was ein Duo auch gleicher Instrumente an Zusammen- und Wohlklang erzeugen kann, wobei melodische Süße einerseits und kraftvolle polyphone Stimmführung gerade in ihrer Gegensätzlichkeit faszinierten. Ysaÿe hätte es verdient, viel bekannter zu sein – es lohnt sich!

Nach der Pause kam mit Niccolo Paganinis Variationen über „Nel cor non piu mi sento“ (etwa: „Im Herzen fühle mich nicht“) Professor Breuninger als Solist zum Zuge. Nun, Paganini meint jeder Musikfreund mehr oder weniger zu kennen. Man muss aber einmal ganz aus der Nähe hören und sehen, was dem Geiger hier abverlangt wird – Artistik mit Fingern und Bogen, inniges Thema und Variationen im Wechsel, die Pizzicatoläufe ebenso wie die Flageolett-Töne und dabei unter Umständen auch noch Mehrstimmigkeit. Bravo, Herr Professor!

„Violons vivants“ nennt sich das Duo. Lebhaft ging es dann auch zu bei Nr. 4 des Programms: Miklós Rózsa, Sonate für zwei Violinen. Das war nun eine andere Klangwelt. Rózsa (1907 – 1995), Ungar, hat eine Fülle von Filmmusiken komponiert, darunter zum Beispiel für „Madame Bovary“ und „Quo Vadis“. Wieder zeigte das Duo exaktes Zusammenspiel und schaffte den Hörern Zugang zu einer ungewohnten, aber spannenden, kraftvollen und herausfordernden Musik, bei der es aber auch nicht an schmelzender Melodik fehlte.

Als Zugabe gab es „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ aus Mozarts „Zauberflöte“, auch als kleine Hommage an ein Paar, das am nächsten Tag heiraten und offensichtlich den „Polterabend“ einmal anders verbringen wollte und damit das Publikum zum Schmunzeln brachte.

Josef Wessel

© Ruhr Nachrichten, 25. Januar 2011
Ein Gang durch die Frühlingslandschaft

Für das Konzert im Römermuseum am letzten Mittwochabend waren wieder zwei Instrumentalisten angekündigt: die Flötistin Anita Farkas, geboren 1983 in Budapest, und der Gitarrist Juan Carlos Arancibia, geboren 1985 in Lima, Peru. Der Autor dieses Berichts gesteht, dass er nicht mit allzu großen Erwartungen gekommen war: Wieder einmal eine Zweier-Kombination, und die Literatur für Flöte und Gitarre ist nicht übermäßig groß und deshalb wohl auch nicht sehr bekannt. Auch in einem zehnbändigen Musiklexikon war der Name des Komponisten Legnani nicht zu finden.

Umso größer und schöner dann die „Enttäuschung“, als die beiden jungen Musiker ihr Spiel begannen. Man sollte den Begriff „Höhepunkte“ nicht zu sehr strapazieren, er verschleißt sich schnell. Aber ganz sicher war in der großen Zahl der bisherigen Museumskonzerte dieser Abend bemerkenswert. Zunächst einmal, weil das Zusammenspiel der beiden Solisten von der Akustik des Raumes begünstigt wurde, was sonst nicht immer der Fall war. Dann die fabelhafte Spieltechnik beider Künstler bei einem in dieser Hinsicht sehr anspruchsvollen Programm, auch wenn gelegentlich in den hohen Lagen der Ton der Flöte etwas schrill klang, was aber durch den warmen Klang in mittleren Lagen kompensiert wurde. Und schließlich das Programm selbst, eine gelungene Mischung von Altem und Neuem.

Die große Sonate op.85 von Mauro Giuliani (1781 – 1829) bestach durch eine gewisse Nähe zu Mozart: über allem eine Heiterkeit, Lebensfreude, wie ein Gang durch eine Frühlingslandschaft. Das Duetto concertante op.23 von Luigi Legnani (1790 – 1877), also eine ganze Periode der Musikgeschichte weiter, schlug schon mit einem „Allegro maestoso“ andere Töne an und räumte der Flötistin die dominierende Rolle ein; sie glänzte mit flirrenden Läufen. Der Gitarrist war mehr auf Begleitung eingestimmt, doch im Scherzo imponierten beide wieder durch ihre großartige Spieltechnik.

Nach der Pause nunmehr völlig andere Töne aus dem 20. Jahrhundert. Eine Suite „Buenos Aires“ stellte in vier Sätzen Stadtteile von Argentiniens Hauptstadt vor – eine subsublime Art von überhöhter Programm-Musik; um das zu verstehen, hätte man gern eine wie immer geartete Beschreibung gehabt. So blieb es eher beim Ohrenschmaus; man hätte vielleicht sogar Anklänge an den portugiesischen „Fado“ heraushören können.

Schließlich von dem auch in Deutschland besser bekannten Astor Piazolla eine „Histoire du Tango“, die musikalisch die verschiedenen Phasen des Tango in dreißigjährigem Abstand von 1900 bis etwa 1990 schilderte.

Verdienter lang anhaltender Beifall war Lohn für einen Konzertabend, den man so schnell nicht vergessen wird.

Josef Wessel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 30. Oktober 2010
Mit ansteckender Freude musiziert
„Trio Vent d’Été“ gab ein bemerkenswertes Konzert im Römermuseum

Beim zweiten Konzert der Saison konnte das Römermuseum nunmehr ein Trio mit Bettina Faiss, Klarinette, Beatrix Lindemann, Fagott, und David Strunck, Oboe, alle inzwischen Mitglieder renommierter Sinfonieorchester, willkommen heißen. Die Programmvorschau versprach eine Mischung mit Klassik (Mozart, Haydn) und französischen Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts, Jacques Ibert, Darius Milhaud und Jean Françaix. Doch es gab eine bedeutsame Änderung: Milhaud fiel weg, dafür gab es ein Werk eines bis vor kurzer Zeit fast vergessenen Komponisten: Erwin Schulhoff, geb. 1894, gestorben in einem Konzentrationslager in Bayern.

Oboe, Klarinette und Fagott bilden eine ungewöhnliche Besetzung und so ist es kein Wunder, dass zur Erweiterung des Werkangebots Bearbeitungen her müssen. In Zeiten vor Schallplatte, Tonband und CD war das jedenfalls eine Möglichkeit, große Musik auch abseits der Kulturzentren hörbar zu machen. Bestes Beispiel sind die „Harmoniemusiken“ für Bläser wie etwa für Mozart-Opern mit dem Linos-Ensemble.

Mozarts Divertimento KV 439b und das Londoner Trio Nr.1 von Joseph Haydn mussten als Bearbeitungen sozusagen gerade stehen für die Originale. Es fragt sich, ob das immer so gelang. Mozarts heitere Melodienseligkeit und Beschwingtheit gerade in seinen Divertimenti kamen nicht recht zur Geltung. Vielleicht hätte der „Sommerwind“ etwas weniger stark wehen sollen. Hervorzuheben ist aber die schöne Tongebung der Klarinettistin; ihr Instrument war ja auch Mozarts Lieblingsinstrument.

Nun zu den anderen „Unterhaltern“: Jean Françaix und Jacques Ibert. Beide sind berühmt geworden durch die Komposition viel gespielter ironisch-heiterer Klavier- und Kammermusik, in die auch schon Jazz einbezogen wurde. Das Motto des ersteren, „Faire plaisir“ , und Iberts „Das Wort Akademismus lässt mich schaudern“ zeigen ihre Geistesverwandtschaft. Die drei Solisten verstanden es, Heiterkeit und Spritzigkeit, aber auch hin und wieder Nachdenkliches in ihrem Spiel so zum Ausdruck zu bringen, dass „faire plaisir“ bei den Zuhörern ankam.

Zum Schluss nun das gewichtigste Divertissement. Erwin Schulhoff, Sohn eines jüdischen Wollhändlers, hatte ein bewegtes Leben bis zum Tode als Folge von Hunger, Erschöpfung und Krankheit am 18. August 1942 in einem KZ in Wülzburg bei Weissenburg in Bayern. Seine Kunst wurde von den Nazis als „entartet“ verleumdet. Noch 1990 hätte man ihn in einem größeren Lexikon nicht gefunden. Umso schöner, dass heute Kompositionen Schulhoffs schon auf CDs erschienen sind. Das Trio „Vent d’Été“ spielte mit einer Musizierfreude, die ansteckend wirkte und erntete dafür lang anhaltenden, dankbaren Applaus.

Josef Wessel

Foto: Florian Wilms

© Ruhr Nachrichten, 30. Oktober 2010
Hanni Liang fegte über die Oktaven
Brillante Pianistin eröffnet Saison

Am Mittwochabend eröffnete Museumsdirektor Rudolf Aßkamp die neue Reihe der Museumskonzerte und wies darauf hin, dass dies nunmehr die achte Saison dieser von der KulturStiftung Masthoff, dem Römermuseum Haltern und der "Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit e.V." getragenen Kammerkonzerte sei.

Man darf es wohl als einen bemerkenswertes Erfolg bezeichnen, wenn der Zuspruch unverändert groß ist und nicht immer alle Wünsche nach Konzertkarten erfüllt werden können Dieses Mal gab es einen Abend mit Klaviermusik der Künstlerin Hanni Liang, geboren 1993 in Bielefeld, heute zu Hause mit ihren Eltern in Mettmann. Und wieder war es ein voller Erfolg, über den sich auch ihre anwesenden Eltern gefreut haben.

Man kann nur staunen, wenn man hört, was eine Siebzehnjährige zu leisten vermag. Beginnen wir mit den beiden Stücken jeweils am Ende der Programmhälften, mit der Ungarischen Rhapsodie Nr. 6 und der Tarantella aus "Venezia e Napoli" von Franz Liszt. Beide sind klavieristische Paradestücke, mit denen Franz Liszt die Anforderungen weit über früher übliches Niveau hochgetrieben hat, auf äußere Wirkung angelegt.

Man hätte der kleinen, zierlichen Person, die sich mit solcher Anmut am Flügel niederließ, derartige Ausbrüche von Gewalt, die Akkorde auf Akkorde türmte, aber auch mit glänzenden Perlenketten leichthändig über Oktaven fegte, nicht zugetraut. Das faszinierte auch die Zuhörerschaft und brachte Hanni Liang einen emphatischen langen Applaus ein.

Weitere Programmteile waren Beethovens Sonate für Klavier op. 2 Nr. 3 und die Fantasiestücke op.12 von Robert Schumann. Vielleicht hätte Hanni Liang Beethoven etwas "ruppiger" spielen können, aber das ist Ansichtssache.

Schumanns Klavierstücke sind häufig mit Titeln versehen. Sie entspringen in ihrer Erfindung meist einer "poetischen Idee". Er hat sie dann oft zu Zyklen unter einer Grundidee vereinigt, so auch in den Fantasiestücken op. 12. Das rein Virtuose lag ihm nicht. Jedem Hörer kam es zu, sich zu den einzelnen Teilen eigene Gedanken zu machen. Das Spiel von Hanni Liang gab dazu Gelegenheit und Freiheit - und das Programmblatt Hilfe.

Josef Wessel

Foto: Michael Döring

© Halterner Zeitung, 24. April 2010
Kein Allerweltsprogramm
Pianistin Annika Treutler spielt mit Sicherheit und Perfektion im Römermuseum

„Annika Treutler, geboren 1990 in Bielefeld...“ – so stellte das Programmblatt die Pianistin vor, die am Mittwochabend im Römermuseum ein Konzert ausschließlich mit Werken für Klavier gab. Da kommt also eine junge Frau, nicht einmal oder gerade erst 20 Jahre alt, und spielt mit einer Sicherheit und Perfektion, die staunen lässt, aber auch mit bewundernswerter Gestaltungskraft und dazu noch alles auswendig! Und auch beileibe kein Allerweltsprogramm: Werke von Robert Schumann und Frédéric Chopin – auch eine Hommage an die beiden Komponisten, deren Geburtstage sich 2010 zum 200. Mal jähren. Weiter ein nicht so bekannter noch zeitgenössischer Komponist, Olivier Messiaen aus Paris. Und schließlich Wolfgang Amadeus Mozart mit der Sonate A.-Dur KV 331.

Letztere war es wohl, die die Zuhörer zu enthusiastischem Beifall hinriss: Jeder Musikfreund kennt wohl das innig-zarte Eingangsthema, das anschließend in verschiedenen Variationen abgewandelt wird und dabei eine ganze Palette an Stimmungen und Gefühlen erzeugt. Im Kontrast dazu steht der Mittelsatz, der die Pianistin voll in die Tasten greifen ließ. Hinreißend dann der Schlusssatz „Alla Turca“, eine Janitscharenmusik, die zur Zeit der Klassik sehr beliebt war und sich auch anderswo bei Mozart findet (z.B. in der Oper „Entführung aus dem Serail“ und im Violinkonzert A-Dur). Die größten Anforderungen an die Pianistin stellte jedoch die viersätzige Sonate h-moll von Chopin. Die Skala der Ausdrucksmöglichkeiten reicht hier von lyrisch-melancholischer Empfindung bis zu leidenschaftlichem Ausbruch. Großartige Spieltechnik, besonders in den perlenden Läufen, aber auch empfindsames Spiel bei liedhaften Themen ließen die Zuhörer nach dem letzten Akkord in einen langen und intensiven Beifall ausbrechen, der wirklich verdient war. Es bleibt der Eindruck: Die junge Frau wird ihren Weg machen. Sie wird übrigens am 26. September in Recklinghausen mit der Neuen Philharmonie Westfalen konzertieren.

Josef Wessel


Foto: Manfred Rimkus

© Ruhr Nachrichten, 6. März 2010
Auch Posaune und Klavier harmonieren

Schon seit längerer Zeit bringen die Museumskonzerte mit den Zweier-Kombinationen interessante und manchmal auch ungewöhnliche Instrumente zu Gehör. Deshalb enttäuschte die kurzfristige Absage eines Konzertes mit Fagott und Klavier.

Das Fagott als Soloinstrument zu hören, wäre ein ungewohntes, aber vielseitiges Hörerlebnis gewesen. Nun also Klavier und Posaune. Man kennt die Posaune schon aus der Bibel, wenn sie die Mauern Jerichos zum Einsturz bringt; als majestätisch machtvolles Instrument beispielsweise in den Sinfonien Anton Bruckners und auch als Ankünderin des Jüngsten Gerichts in den Bildern der Apokalypse. Aber als Soloinstrument? Man war gespannt. Pianist Tobias Bredohl von der Musikhochschule in Düsseldorf als Partner des Posaunisten Safa Onur Özgüner führte durch das Programm und wies darauf hin, dass bis auf das erste Musikstück alle weiteren echte Originalkompositionen waren. Ersteres, die Transkription einer Händel-Sonate für Oboe, mochte man akzeptieren als Gelegenheit zum Einspielen. Ein Musikfreund meinte: „So hat man Händel vor 50 Jahren gespielt.“ Aber die zwei späteren Sonaten für Posaune und Klavier von Paul Hindemith (aus dem Jahr 1941) und dem Skandinavier Launy Gröndahl hatten es in sich. Beide Stücke waren vor allem für den Posaunisten eine Herausforderung, die er glänzend bestand. Diese Sechzehntelläufe auf einem solchen Instrument – fantastisch! Und lobenswert das gute Zusammenspiel, besonders auffällig in einem weiteren Duo, einer „Fantasie für Posaune und Klavier“ von Sigismond Stojowski.

Das Programm des Abends wurde abgerundet durch Solostücke für Klavier: Franz Schuberts „12 Deutsche Tänze für Klavier“ D 790 spielte Tobias Bredohl sehr eindrucksvoll, fern aller Wiener Walzerseligkeit bodenständig, mal stampfend, aber auch nachdenklich-melancholisch – Schubert pur. Um dem 200. Geburtstag von Frederic Chopin Ehre zu erweisen, präsentierte Bredohl einige „Etudes“ des Komponisten. Verdienter Beifall für beide Musiker als Dank für ein schönes Konzert.

Josef Wessel


Foto: Manfred Rimkus

© Ruhr Nachrichten, 23. Januar 2010
Perfektion des Spiels im Römermuseum
Cello-Duo begeistert

Nach fast einjähriger Pause, bedingt durch die Ausstellung anlässlich des Varus-Jahres, fand wieder ein Kammerkonzert im Römermuseum statt. Wie schon mehrmals in der vergangenen Saison musizierte auch diesmal ein Instrumental-Duo, nun sogar gleicher Instrumente, zweier Violoncelli.

Nun gehören derartige Kombinationen nicht gerade zum Kern der Kammermusik wie Streichquartette oder Klaviertrios. Der Verfasser dieses Berichts ging nicht mit allzu hohen Erwartungen hin – und wurde von dem Violoncello-Duo, Konstantin Manaev, geboren in Swerdlowsk (Russland), und Gunta Abele, geboren in Riga, auf das Angenehmste überrascht. Das Programm enthielt acht Einzelstücke, davon sechs für zwei Celli und je eins für Solocello. Neuere Musik war geschickt in einen Rahmen herkömmlicher Musik aus Klassik und gemäßigter Moderne eingepasst.

Nicht auf jedes Stück kann hier ausführlich eingegangen werden. Hervorzuheben ist generell die Perfektion des Spiels, die Nutzung aller Möglichkeiten des Instruments von hauchdünnen Flageolett-Tönen bis markanten Doppelgriffen, vom sanften Legato bis zu wahren Pizzicato-Stürmen.Besonders beeindruckend waren die beiden Solostücke. Konstantin Manaev spielte ein Liebeslied von Franghiz Ali-Zadeh aus Aserbaidschan. Facetten des Cellospiels kamen zutage, bei denen Liebesfreude und -leid treffenden Ausdruck fanden, bis es schließlich verhauchte. Wer hätte das von Aserbaidschan erwartet! Aber die zurzeit namhafteste Komponistin, Sofia Gubaidulina, stammt schließlich auch aus dem nichtrussischen Teil der früheren Sowjetunion.
Thomas Demenga, geb.1954, schrieb „Aus den Fugen für Violoncello solo“ und wählte das Königliche Thema aus J.S.Bachs „Musikalischem Opfer“. Natürlich fragt man: „Wie kann denn ein Streich- oder auch Blasinstrument eine Fuge spielen?“ Gunta Abele wagte sich an das Werk des Komponisten. Das schwierige Thema mit seinem chromatischen Abstieg – es wurde von König Friedrich II. Bach gestellt und brachte selbst diesen in Verlegenheit – wird in einer Reihe von variationsähnlichen Verarbeitun-gen fortgesponnen und ergibt erst im Zurückdenken das polyphone Stimmengeflecht der Fuge. Gunta Abele hat das großartig hingekriegt. Kompliment!
Natürlich gab es auch weniger anstrengende Musik, Sonaten von Boccherini und Barriere, Paganinis „Mosesphantasie“ und von Isaac Albéniz ein sehr von spanischem Timbre geprägtes Stück, das an seine besser bekannte lberia-Suite erinnerte. Verdienter anhaltender Beifall erbrachte dann die Zugabe. Man möchte den beiden jungen Musikern auf ihrem weiteren Weg alles Gute wünschen.

Josef Wessel


Foto: B. Glöckner

© Ruhr Nachrichten, 14. März 2009
Trio Gagliano gastierte im Römermuseum
Cello-Duo begeistert

Wenn man von Kammermusik hört oder spricht, denkt man zunächst einmal an Streichquartette und Klaviertrios. In den Konzerten im Römermuseum sind seit langem auch andere und manchmal sogar ungewöhnliche Instrumenten-Konstellationen zu Gehör gekommen; erinnert sei an Klarinette und Harfe, Blockflöte und Cembalo, Klavier zu vier Händen aus den diesjährigen Programmen. Und nun ein Streichtrio: Violine, Viola und Violoncello mit dem Namen „Ensemble Gagliano“.

Persönliche Gründe hatten zu einer Änderung des Programms geführt. Man mag es bedauern, daß Pendereckis Trio entfiel, also eines zeitgenössischen Komponisten aus Polen, der besonders durch seine im Dom zu Münster uraufgeführte Lukas-Passion bekannt geworden ist. Statt dessen wurde – nach einem schwungvollen Eingangsstück, Schuberts einsätzigem Fragment D 471 – das Trio op. 77b a-moll von Max Reger aufgeführt. Max Reger, Komponist im Übergang von Spätromantik zur Neuen Musik am Beginn des 20. Jahrhunderts, hat ein vielgestaltiges Gesamtwerk geschaffen, zu dem der Zugang nicht immer leicht ist. Hier aber brachten die Solisten mit einem begeisternden Spiel seine eher klassizistische Tonsprache nahe. Kontrastierende Partien im Wechsel von derbem Bauerntanz und lyrischer Klage, spritziger Lebenslust und melancholischer Stimmung wurden mit großer Spielfreude zu Gehör gebracht. (Für jemanden, dem Reger neu ist und der mehr eindringen möchte, hier ein CD-Tipp: neben den Orchestervariationen über ein Thema von Mozart das schöne und eingängige Klarinettenquintett A-Dur op. 146).

Nach der Pause dann ein Beethoven, ganz anders als der Komponist der „Schicksalssinfonie“, die Serenade für Violine, Viola und Violoncello D-Dur op.8, also ein frühes Werk, eine richtige Spielmusik; Unterhaltung auf gehobenem Niveau, besonders nachvollziehbar im vorletzten der vielen Sätze mit den Variationen über eine schlichte Liedweise. Hier konnte auch der Cellist Julian Steckel hervortreten, der ansonsten, wenn man den Titel einer Komödie von Goldoni abwandeln darf, „ein Diener beider Damen“: Karina Buschinger, Violine, und Aline Saniter, Viola, bei ihrem engagierten Spiel war und so das notwendige Bass-Fundament schuf.

Wie immer gab es herzhaften und langen Applaus. Vereinzeltem Rufen nach einer Zugabe gaben die Musiker nicht nach – ich finde, zu Recht. Wer, im Unterschied zu einem Solisten in einem Sinfoniekonzert, der ja nur einen Teil des Programms bestreitet, den ganzen Abend über alles gegeben hat, darf sich dem Wunsch nach einer Zu-Gabe, so verständlich er sein mag, versagen.

Josef Wessel


Foto: B. Glöckner

© Ruhr Nachrichten, 7. Februar 2009
„Duo Imaginaire“ in ungewöhnlicher Besetzung
Musik im Römermuseum begeisterte

Die Konzertreihe „MUSIK IM RÖMERmuseum“ kündigt im Untertitel „Konzerte junger Meister“ an. So stellten sich denn auch beim Konzert am vergangenen Mittwoch vor wie immer vollem Haus zwei Musiker vor, die dem sowohl im Alter wie auch in den erbrachten Leistungen gerecht wurden: Simone Seiler und der Schotte John Corbett, die sich zum „Duo Imaginaire“ zusammengetan haben. Wie immer man das übersetzen mag – das Wörterbuch gibt verschiedene Bedeutungen an – ungewöhnlich war jedenfalls auch die Zusammensetzung dieses Duos: Klarinette und Harfe.

Nun ist die Konzertliteratur für diese Kombination nicht gerade reichlich, man übernimmt deshalb beispielsweise den Klavierpart eines Stückes und adaptiert ihn für die Harfe. Musik für Klarinette solo oder als Soloinstrument in sinfonischer oder Kammermusik gibt es genug, und auch die Harfe solo kommt nicht zu kurz.

Die beiden Musiker hatten nun für ihr Programm eine gute Lösung gefunden. Originalstücke wie ein Notturno von Nicolas Bochsa, einem französischen Frühklassiker, der sogar ein Unterrichtswerk für Harfe geschrieben und überhaupt das Harfenspiel mit vielen Kompositionen bereichert hat, und eine Sonate des Zeitgenossen Jean-Michel Damase (geb. 1928) für beide Instrumente wechselten ab mit Kompositionen für Harfe und Klarinette solo: Louis Spohrs Fantasie in c-moll, fantastisch zu Gehör gebracht von Simone Seiler, und kleineren Stücken von Debussy und Igor Strawinsky für Klarinette, bei den John Corbett sehr schön den für jeden typischen Musikstil vorstellte.

Die Klarinette und ihr vor allem in den mittleren Tonlagen warmer Klang sind weithin bekannt. An diesem Abend war es schön, die Harfe einmal ganz aus der Nähe kennen zu lernen: ihren akkordischen Wohlklang wie auch das „Arpeggieren“, gebrochene Akkorde in schnellen Tonläufen.

Starker Beifall verlangte dem Duo eine Zugabe ab: „Habanera“ von Maurice Ravel.

Josef Wessel


Foto: B. Glöckner

© Ruhr Nachrichten, 6. Dezember 2008
Instrumenten Ehre gemacht
Facettenreiches Programm auf Blockflöte und Cembalo

Anna Stegmann und Wolfgang Kostujak brillierten am Mittwochabend im Rahmen der Konzertreihe „Musik im Römer“.

In einer überregionalen Tageszeitung erschien unlängst ein Artikel, der sich mit einer Burg im Lippischen befaßte und den Kreis um Peter Harlan kritisierte, der nach Ansicht des Verfassers esoterisch und rückwärts gewandt sei. In dem Zusammenhang wurden Spott und Häme über die aus der Jugendwanderbewegung entstandene Begeisterung für das Volkslied und speziell die Blockflöte ausgegossen, die nach Meinung des Verfassers allenfalls als Instrument für Kinder tauge. Man hätte dem Herrn gegönnt, am Mittwochabend im Römermuseum dabei gewesen zu sein, wo Anna Stegmann, unterstützt von ihrem Partner Wolfgang Kostujak am Cembalo, einen überzeugenden Beweis für die musikalische Qualität und reiche Ausdrucksfähigkeit der Blockflöte erbrachte.

Dabei gab es ein facettenreiches Programm mit Musik aus dem ausgehenden Mittelalter über Renaissance und Barock bis zu den Zeitgenossen Luciano Berio und Giorgio Tedde (geb.1958). Was soll man mehr bewundern? Die technische Brillanz und staunenswerte Atem- wie Fingerfertigkeit von Anna Stegmann, die sich zeitweise in den schnellen Tonfolgen zu veritabler Artistik steigerte, oder die Beseeltheit des Spiels in den langsamen Sätzen z.B. in den Sonaten Vivaldis und Corellis?

Höhepunkte der Begeisterung im Publikum erzielten die Musikstücke der schon genannten zeitgenössischen Komponisten – eine völlig neue Art von Musik für die Blockflöte, so überraschend und originell: Das kann man nicht beschreiben, man muß es einfach gehört haben. Der Cembalist Kostujak kam nur einmal zu einem Solo. Dafür erwies er sich als einfühlsamer Begleiter für Anna Stegmann, exakt im Continuospiel, aber auch glänzend, wenn sein Part solistisch gefragt war. Während der Pause konnte man die unterschiedlichen Blockflöten – Renaissance oder Barockfassung – besichtigen. Noch größeres Interesse fand das zweimanualige Cembalo.

Im Boden des Instruments war als Intarsie zu lesen „Tribuit artifex arti tribuenda“, d.h. „der Künstler (hier der Instrumentenbauer) hat der Kunst den Tribut erwiesen, den sie verdient“. Übertragen auf die beiden Solisten: Sie haben ihren Instrumenten Ehre gemacht.

Josef Wessel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 24. Oktober 2008
Vier Hände brillieren an einem Flügel

Im ersten Kammerkonzert der neuen Saison stellte Dr. Horstfried Masthoff zwei junge Damen vor, die eigens von Berlin nach Haltern gekommen waren, und wies darauf hin, dass zum ersten Mal in den Konzertreihen ein Duo für Klavier zu vier Händen auftreten würde: Die jungen japanischen Pianistinnen Shoke Abe und Kimiko Imami, die vor einigen Jahren das Klavierduo AVES gegründet hatten.

Nun ist ja der Anteil von Musik für vierhändiges Klavier am Gesamt der Kammermusik relativ schmal, sieht man einmal von Transskriptionen, von größeren Orchesterwerken wie z.B. Franz Liszts Beethoven-Sinfonien ab. Man darf den beiden Pianistinnen aber bescheinigen, dass sie eine höchst interessante Auswahl getroffen hatten, die von Schubert und Mendelssohn über die Franzosen Ravel und Poulenc bis zu Alban Berg und dem Zeitgenossen Wolfgang Rihm reichte.

Dabei ergaben sich starke Kontraste. Dem dramatischen Auftakt mit Alban Bergs Variationen aus seiner Oper "Lulu", der die Hörer beinahe überrumpelte und erst zu verspätetem Applaus kommen ließ, folgte Mendelssohns "Allegro Brillant", dem die beiden Pianistinnen mit einem brillanten Spiel alle Ehre erwiesen. Vielleicht hätten die eher ruhigen Passagen zwischen den perlenartigen Läufen etwas mehr von einander abgesetzt werden können; die Akustik im Konzertraum ist wohl gewöhnungsbedürftig.

Es ging weiter mit Rihm: "Mehrere kurze Walzer für Klavier zu vier Händen" müsste für alle, die zeitgenössische Musik befremdet, eine Überraschung sein: Eingängige Melodien, eine breite Palette an Stimmungen von beinahe Wiener Walzerseligkeit bis zu eher nachdenklicher Melancholie - vielleicht das interessanteste Stück des Abends. Und dann wieder andere Töne bei den Franzosen Poulenc und Ravel. Und dann noch Schuberts Fantasie f-Moll.

Bemerkenswert waren das gute Zusammenspiel der beiden jungen Damen und ihre technische Brillanz. Zusammengefasst: Es war ein ebenso interessanter wie begeisternder Abend. Dem gaben die Zuhörer nachdrücklich Ausdruck mit langem Beifall, der die Pianistinnen zu zwei Zugaben veranlasste: "Hesitation" des amerikanischen Komponisten Samuel Barber und einen von Antonin Dvoraks "Slawischen Tänzen".

Josef Wessel


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 4. April 2008
Mit Liebe zum Detail
Amaryllis Quartett brillierte im Römermuseum

Das Streicherquartett Amaryllis, benannt nach den vier Knospen der gleichnamigen Blüte, gastierte am Mittwochabend im Römermuseum, um Béla Bartóks Streichquartett Nr. 5 und Franz Schuberts berühmtem Quartett D 810 in d-Moll, bekannter wohl noch unter dem Titel „Der Tod und das Mädchen“, gerecht zu werden.
Die vier Meisterschüler der Musikhochschule Köln brillierten dabei mit präziser und doch gefühlvoller Spielweise. Hervorragend aufeinander eingespielt, führten sie das geneigte Gehör durch dynamisch und harmonisch wechselhaftes Terrain. Während Violinist Gustav Frielinghaus an der Violine solistisch nuancierte, boten Lena Wirth, ebenfalls an der Violine, sowie Lena Eckels an der Viola und Yves Sandoz am Violoncello eindrucksvolle Klanglandschaften zwischen Dur und Moll, die sich aus dem Einzelspiel der Streicher harmonisch zusammensetzten.
Besonders lobenswert hierbei die Liebe zum Detail im Spiel des Amaryllis Quartetts, das seine Interpretation des Streichquartetts auch auf einer CD verewigte, die dort erworben werden konnte. Nach einer kurzen Pause für Publikum und Musiker folgte dann der leidenschaftliche Auftakt zu Schuberts populärem Streichquartett. Voller Leidenschaft und mit viel Gefühl für die Eigenart von Schuberts Komposition meisterten die vier Instrumentalisten so gut wie jede Nuance des späten Quartetts. Beizeiten beinahe sinfonisch mutete das Zusammenspiel der vier Streicher an. Wagte man es, die Augen zu schließen, mochte man beinahe zu der Überzeugung gelangen, man habe es mit einem größeren Ensemble zu tun, so harmonisch weiteten sich die Klänge der vier Streicher in der Museumshalle aus.
Nach einer Zugabe mit Hugo Wolfs „Italienische Serenade“ verabschiedete sich das Quartett unter lang anhaltendem Applaus des Publikums, das gewiss bereits den nächsten Konzerten, unter anderem den Sythener Gitarrentagen im August, entgegenfiebert.

Daniel Schlichter


Foto: Michael Döring

© Ruhr Nachrichten, 28. Februar 2008
Treibend und Sanft
"Triomonia" begeisterte im Römermuseum mit interessanter Instrumentenkombination

"Triomonia" beeindruckten am Mittwochabend im Römermuseum das Publikum mit einer eher seltenen Formation. Cellistin Saerom Park und Tsvetomir Tsankov an der Violine wurden durch Akkordeonspieler Marko Kassl ergänzt.

Doch in seiner Zeitreise vom Barock bis in die Moderne bewies „Triomonia“ die Klangvielfalt dieser selten gehörten Kombination. Wo Cello und Violine klassische Instrumente der Konzertmusik sind, ist das Akkordeon als relativ junges Instrument nicht allzu oft bei Interpretationen ernster Musik zu hören. Während Rameau und Scarlattis Sonaten (G-Dur K 146, cis-Moll K 247, A-Dur K 209) nicht unbedingt für das Akkordeon komponiert worden sind, das zu dieser Zeit überdies noch gar nicht existierte, so scheint es für Joseph Haydns Zigeunertrio in G-Dur wie geschaffen zu sein. Wunderbar ergänzt sich der treibende Rhythmus von Marko Kassls Akkordeonspiel mit den sanften Klängen der beiden Streicher.

Nach einer viel zu lang empfundenen Pause und Igor Strawinskys „Tango“ lässt die Violine Cello und Akkordeon schließlich für ein Duett, Le Grand Tango von Astor Piazzolla, allein. Cello und Akkordeon kämpfen leidenschaftlich um die akustische Dominanz, spielen gegeneinander, verlieben sich schließlich und formen zusammen einen neuen homogenen Klang. Wie in einer guten Liebesbeziehung werden sie mehr als die Summe ihrer Teile. Nicht immer gibt es klar definierte Machtverhältnisse, niemals jedoch sind die aufeinander prallenden Gegensätze dieses ungewöhnlichen Liebespaares unvereinbar.

Das Bonbon des Abends ist eine Komposition des japanischen Komponisten Makoto Nomura. Das Stück „How many Spinatch Amen!“ aus dem Jahre 2000 ist so vielfältig wie sein Titel. Ein konfuser Aufschrei, viele Gedanken, die sich in einem Satz formieren, ohne einen direkten Sinnzusammenhang zu haben. So wandelbar in Harmonik und Rhythmus ist das Stück, dass sich ein ganzes Leben vor den Ohren des Zuhörers abspielt. Wunderbar dynamisch wandert die Stimmung zwischen dissonant und beruhigender Harmonie, während die Musiker ihre Vielseitigkeit und die des Stückes mit beinah sakral wirkendem Gesang ergänzen.

Als i-Tüpfelchen des außergewöhnlichen Konzertabends im Römermuseum spielte Triomonia "Oblivion" von Astor Piazzolla.

Daniel Schlichter


Foto: Michael Döring

© Stadtspiegel Haltern, 23. Januar 2008
Beifall für Sternstunden
Kammermusik-Reihe: Kira Kohlmann und Sae-Nal Kim überzeugen restlos

In der Reihe der Kammermusiken, die von der Kulturstiftung Masthoff in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft der Westfälischen Kulturarbeit e.V. (GWK) schon seit einigen Jahren veranstaltet werden, war das Konzert am Mittwochabend, dem 16. Januar, und als Wiederholung am folgenden Tag sicherlich eine Sternstunde. Zwei junge Künstlerinnen, Kira Kohlmann (Violine) und Sae-Nal Kim (Klavier) brachten ein kontrastreiches Programm, das eine erwartungsvolle Zuhörerschaft aufhorchen ließ und im weiteren Verlauf in wachsende Begeisterung versetzte.

Den Anfang machte Beethovens Opus 12/1, die Sonate für Klavier und Violine (in dieser Reihenfolge werden die Instrumente mit Absicht genannt) in D-Dur. Beethoven gibt damit offensichtlich dem Klavier, seinem persönlichen Lieblingsinstrument, die führende Rolle. Frau Kim ergriff sie denn auch und griff kraftvoll in die Tasten mit einem Unisonomotiv; im 2. Satz folgten dann Variationen über ein liedhaftes Thema, das Gelegenheit zu einem reizvollen Wechselspiel zwischen beiden Instrumenten gab. Mit dem anschließend heiteren Rondo ergab die leicht verständliche Sonate einen guten Einstieg in den Abend.

Der weitere Programmverlauf ließ i.a. die Geigerin stärker hervortreten; Frau Kim erwies sich dabei als einfühlsame Begleiterin. In der Brahms-Sonate nach der Pause, waren beide aber wieder auf „Augenhöhe“, - oder sagen wir passender „Ohrenhöhe“. Darüber später mehr.

Johann Sebastian Bach, Chaconne aus der Partita Nr.2 d-moll BWV 1004 – welch ein Erlebnis, dieses Meisterwerk einmal statt von der CD original zu hören! Was hier der Solistin an technischem Können abverlangt wird, ist unglaublich: Doppelgriffe, Bariolagespiel (der schnelle Wechsel von einer Saite zur anderen bei einer Aufeinanderfolge von gebrochenen Akkorden) dazu die Bogenführung, das alles bewältigte Frau Kohlmann nicht nur überzeugend; sie gab ihrem Spiel eine bewundernswerte Beseeltheit. Als zum Schluss noch einmal das achttaktige Thema verklungen war, herrschte zunächst ergriffenes Schweigen, bevor begeistert applaudiert wurde.

Paganinis „Hexentanz“ op.8 noch vor der Pause und als letzter Programmpunkt die „Carmen“-Fantasie von Pablo de Sarasate waren weitere Glanzpunkte, wobei letztere das Publikum zu einem besonderen Beifall hinriss. Zuvor aber noch Johannes Brahms mit der Sonate für Violine und Klavier d-moll op.108. Wenn man sagen kann: Man spürte Brahms’ Individualstil in jeder Passage, in jeder Akkordfolge und in dem kurzen Scherzo sogar den Anklang von Brahms’ Schützling Antonin Dvorak („In Dvoraks Werk scheint immer die Sonne!“), dann ist wohl des Lobes genug gesagt.

Lang anhaltender Beifall belohnte die beiden Solistinnen, in den sie netter Weise auch die Hilfe beim Notenumblättern einbezogen und der sie noch zu einer Zugabe bewegte: „It ain’t necessarily so“, ein Stück aus „Porgy and Bess“. Zweihundertfünfzig Personen wurden in beiden Konzerten gezählt.

Josef Wessel

© Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 21. Januar 2008
„Klein aber fein“ steht längst für Erfolg
Konzerte junger Meister im Römermuseum

Die Klassikreihe „Konzerte Junger Meister“ im Römermuseum, von der Stiftung Masthoff initiiert und teilfinanziert, lockt regelmäßig Kenner und Könner ins Museum. 150 Zuhörer waren jüngst von Kira Kohlmann (24, Violine) und Sae-Nal Kim (23, Klavier) begeistert. Was dem Publikum geboten wurde, brachte selbst die von früheren Konzerten verwöhnten Abonnenten in Begeisterung.

Das Duo wirbelte nur so durch den Hexentanz von Paganini (1782-1840), ein echter Ohrwurm und populär, aber mit fast unüberbietbaren technischen Aufgaben für den Künstler. Wer Zeit und Muße hatte, konnte auch ein Zusatzkonzert hören. Leider war die Resonanz deutlich geringer. Vielleicht weil an diesem Abend auch der Kabarettist Dieter Nuhr in Haltern vor ausverkauftem Haus gastierte. Aber Kritiker, die stets die Exklusivität der Konzertreihe bedauern, wurden damit widerlegt. Das Motto „Klein, aber fein“ ist erfolgreich.

Irene Stock


Foto: Th. Liedtke

© Ruhr Nachrichten, 16. März 2007
Explosion an den Saiten
Nicolas Altstaedt lotet alle Möglickeiten des Violoncello aus

Mit dem Violoncello stand ein seltener gespieltes Instrument im Mittelpunkt des letzten Konzertes 2007 der Reihe Musik im Römer. Von der Größe her liegt es zwischen Geige und Kontrabass, und in den Händen eines so talentierten Musikers wie Nicolas Altstaedt vermag das Instrument eine solche Vielfalt an Tönen und Stimmungen zu entfalten, dass man es gerne öfter und länger hören möchte.
So ging es den Zuhörern am Mittwochabend im Römermuseum, die Altstaedt und seinen Begleiter Peter von Wienhardt (Flügel) am liebsten gar nicht von der Bühne gelassen hätten.
Die beiden Musiker begannen verhalten. Die Sonate für Pianoforte und Violoncello von Ludwig van Beethoven hatten sie bewusst an den Anfang des Konzertes gestellt, denn dieses Stück deutet bereits die Möglichkeiten des Streichinstrumentes an, die im weiteren Verlauf des Abends noch ausgelotet werden sollten.
Stimmungswechsel
Ein getragener Beginn mit langem gefühlvollen Bogenstrich. Doch plötzlich explodiert Nicolas Altstaedt. Jetzt hüpft der Bogen auf den Saiten, die zwischendurch auch gezupft werden. Wilde Kopfbewegungen des Musikers machen den plötzlichen Stimmungswechsel zum Allegro vivace auch optisch erfassbar. Auch Igor Strawinskys "Suite italienne" beginnt langsam schreitend, um schnell in heitere Beschwingtheit umzuschlagen, die das Publikum mit in die Pause nimmt.
Mit einem etwas sperrigen Werk des zeitgenössischen Komponisten Henri Dutilleux und ohne seinen Begleiter am Klavier startet Altstaedt in den zweiten Teil. Mit "Trois strophes sur le nom des sacher" versucht er nun, bisher nicht ausgereizte Möglichkeiten des Instrumentes den Zuhörern nahe zu bringen. Diese reagieren allerdings zurückhaltend mit eher gedämpften Applaus.
Untanzbarer Tango
Mit Béla Bartóks "Rhapsodie Nr. 1" und vor allem dem Schlussstück "Le Grand Tango" von Astor Piazzolla ist das Publikum schnell versöhnt. Ein Tango, untanzbar, aber doch beschwingt. Mal melodisch, dazwischen fast jazzig.
Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Die Musiker taten es, nicht ohne die Zuhörer mit einer Zugabe, ebenfalls von Piazzolla, zu verwöhnen.

Thomas Liedtke

Foto: L. Sirotin

© Ruhr Nachrichten, 26. Januar 2007
Emotional dichte Momente
Musik im Römer: Mit allen Sinnen lauschen Zuhörer barocken Klängen

Mit allen Sinnen tauchten die Besucher des Römermuseums am Mittwochabend in fremde, vergangene Welten ein. Inmitten der Kulisse der historischen Exponate gingen sie ein musikalisches Rendezvous mit der Barockzeit ein. Zum dritten Mal in dieser Saison öffnete das Museum seine Pforten für "Musik im Römer" - und erneut war die Veranstaltung schon im Vorfeld ausverkauft.

Dieses Mal gab es bei der Konzertreihe, die das Schaffen junger klassischer Musiker ins Rampenlicht rücken soll, eine Besonderheit: Die Beschränkung auf eine musikalische Epoche. Die drei Musiker, die sich an die Instrumente setzten, sind jung und dennoch bereits ausgesprochen renommiert: So konnte das Solistenduo Daniel Ahlert und Birgit Schwab vielfache Auszeichnungen und einen breiten Bekanntheitsgrad auf europäischen Bühnen vorweisen. Auch Alessandro Sbrizzi feierte schon mit den Den Haager Philharmonikern große Auftritte.

Ein barockes Konzert verlangt nach barocken Instrumenten. Und während die Mandoline von Ahlert und das Cembalo von Alessandro Sbrizzi noch Vertrautheit ausstrahlten, erntete das Arciliuto von Birgit Schwab viele neugierige Blicke. Die über zwei Meter lange Laute trug am entscheidendsten zum typischen barocken Klang der dargebotenen Stücke bei.

In der ersten Konzerthälfte präsentierte das Trio überwiegend heitere Melodien, die sich durch Ruhe und eine fröhliche Verspieltheit auszeichneten. Bei zahlreichen komplexen Passagen demonstrierten die Musiker, wie virtuos sie ihre Instrumente beherrschten. In der zweiten Hälfte zeigte die Barockmusik dann ihre ganze Vielseitigkeit. Zunächst spielte Birgit Schwab an einer speziellen Barocklaute einige Soli, wobei die eindringlichen, sehnsüchtigen Klänge mit Genuss von den Zuhörern aufgenommen wurden. Die romantische Einsamkeit der Melodien gehörte zu den emotional dichtesten Momenten des Konzerts.

Einen starken Kontrast dazu bildete das anschließende Solo von Alessandro Sbrizzi am Cembalo. Mit hochkonzentrierten Gesichtszügen spielte er sich geradezu in Ekstase, präsentierte drei extrem temporeiche Sonaten von Domenico Scarlatti.

Den Endpunkt des Konzerts bildete ein Ausflug in das barocke Spanien. Ein Finale mit reichlich Leidenschaft und Temperament -die Zuhörer waren begeistert.

Leonid Sirotin


Foto: B. Glöckner

© Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 1. Dezember 2006
Keine Angst vor der Moderne
Das erstklassig besetzte Veldana-Quartett stellt die Zuhörer bei der "Musik im Römer" vor eine Herausforderung. Reichlich Beifall für die jungen Meister, auch wenn der Zugang zum Modernen Mühe machte.

Bange machen gilt nicht. Vermutlich kämpfen Berufsmusiker häufig gegen das Vorurteil, die Musik des 20. Jahrhunderts sei furchterregend. Das Veldana-Quartett wollte es am Mittwochabend wohl genau wissen und machte die Probe aufs Exempel. Vor ausverkauftem Römermuseum präsentierte es einen Abend mit überdurchschnittlich viel Modernem und Unbekanntem im Programm. Für das Publikum der Konzertreihe „Musik im Römer“ war das keine geringe Herausforderung.

Mit einem sinnbildlichen Paukenschlag stürzte sich das Quartett denn auch gleich in die „Deux Mouvements“ von Jacques Ibert. Anfangs führt die Klarinette das Wort, dann stimmen Fagott, Oboe und Querflöte ein. Dann folgte tatsächlich Haydn, aber nicht mit Paukenschlag, sondern eher zur Besänftigung des Publikums, das nicht mit zeitgenössischen Tönen liebäugelt: das Trio No. 1 aus den „Londoner Trios“.

Nach Eugene Bozzas (1908 bis 1991) „Trois Pieces pour une Musique de Nuit“ mit einem ersten Satz, der die Zuhörer zu einem anerkennenden „Wunderschön“ verführte. Dann der Rauswurf in die Konzertpause. Den besorgte Heitor Villa-Lobos (1887 bis 1959) „Quatuor“. Man erlebte schrille Töne und atonale Borstigkeiten, drängende Tempi wechselten mit zarten Anflügen verhauchender Töne. Es war für den Zuhörer nicht leicht, Zugang zu den Gegensätzlichkeiten zwischen Disharmonien und plötzlichen Ruhepunkten zu finden.

Aber: Das Veldana-Quartett kristallisierte die starken Elemente der Kompositionen gut heraus.

Traditionell begann der zweite Konzertteil: Mozarts Andante F-Dur, KV 616, um sogleich die Moderne wieder zu forcieren: Malcolm Arnold (1921 bis 2006) und Jean Francaix (1912 bis 1997). Selten gelesene Namen in Konzertprogrammen, aber man erlebte eine Musik mit krummen Metren und tückischen Taktwechseln.

Das Publikum nahm die ausgefallene Rhythmik verständnisvoll auf, spendete reichlich Beifall für das Können der jungen Meister, doch nach ihrem Geschmack war das Programm nicht.

Andererseits: Von nichts kommt nichts. Würden die Kulturstiftung Masthoff und die GWK bei der Auswahl der jungen Meister das Publikum das Jahr über mit Kuschelklassik verzärteln – die Zuhörer zögen es wahrscheinlich vor, zu Beginn der Saison nicht für ein Abonnement Schlange zu stehen. Und seit Mittwochabend haben die Zuhörer zumindest das Fürchten vor der Moderne verloren.

Die Mitglieder des Veldana Quartetts erhielten wichtige internationale Auszeichnungen, etwa beim ARD-Wettbewerb in München, beim Deutschen Musikwettbewerb Bonn oder bei Concertino Prag. Anne Angerer ist Solooboistin des SWR-Radiosinfonieorchesters und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart. Jörg Angerer ist freier Musiker und Musikpädagoge. Der Klarinettist spielt im Nürnberger Ensemble Kontraste. Anne-Cathérine Heinzmann ist stellvertretende Soloflötistin am Opernhaus- und Museumsorchester in Frankfurt am Main. Beatrix Lindemann, Förderpreisträgerin der GWK, ist stellvertretende Solofagottistin des Orchesters des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden.

Irene Stock

© Ruhr Nachrichten, 1. Dezember 2006
Leidenschaftliche Klänge
Wenn "junge Meister" auf die Antike treffen, gibt es klassische Musik im Römermuseum.

Am Mittwochabend begeisterte das mit wichtigen internationalen Auszeichnungen geehrte "Veldana Quartett" mit einer außergewöhnlichen musikalischen Zeitreise.

Anne Angerer (Oboe), Jörg Angerer (Klarinette), Anne-Cathérine Heinzmann (Flöte) und Beatrix Lindemann (Fagott) präsentierten dabei Kompositionen aus dem 18. bis hinein ins 20. Jahrhundert, so dass sich dem Zuhörer ein abwechslungsreiches Klangangebot eröffnete. Direkt zu Beginn zeigten die vier erfolgreichen Musiker bei Jacques Iberts "Deux Mouvements pour deux flûtes, clarinette et basson" ihr perfektes Zusammenspiel. Es folgte das dreiteilige "Trio Nr. 1 für Oboe, Klarinette und Fagott" aus den "Londoner Trios" von Joseph Haydn.

Das Ensemble wusste auch zu dritt zu überzeugen. Die musikalische Vielfältigkeit des Abends spiegelte sich besonders bei der neueren Komposition von Eugène Bozza, dem "Trois Pièces pour une Musique de Nuit", wider. Das zu Beginn tragende Andantino entwickelte im Verlauf viele Facetten, bei denen sich auch die Intensität der einzelnen Instrumente offenbarte. Die Soloklänge verbanden sich dabei immer wieder zu einem Gesamtwerk. Mit leidenschaftlich gespielten Tönen des brasilianischen Komponisten Heitor Villa Lobos ging es in die Pause.

Passend zum Mozartjahr spielte das Quartett danach das "Andate F-Dur, KV 616". Beim "Divertimento" von Malcolm Arnold aus dem Jahr 1952 zeigten die Musiker wieder als Trio ihr Können und vor allem, wie anspruchsvoll ihr Programm an diesem Abend war. Das zum Beginn äußert energisch inszenierte Stück, entwickelte danach einen Klangteppich, der schließlich in wunderschönen Melodien und majestätischen Klängen endete.

An diesem Abend wurde deutlich, warum das Quartett als eines der "besten Holzbläserensemble Deutschlands" gilt. So war auch die zweite Musikaufführung in der nun vierten Saison der Konzertreihe "Musik im Römer" gekennzeichnet von höchster Spielkultur.

Benjamin Glöckner


Foto: Chr. Joemann

© Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 21. Oktober 2006
Hexenmeisterin an der Geige
Konzerte junger Meister“ geht in die vierte Saison.
Erfolg der Reihe liegt zu einem guten Teil an der musikalischen Klasse und einem ausgefallenen Programm.

Natürlich hat die Konzertreihe von Anfang an gewonnen. Die Leute sind ihretwegen gekommen, nur ihretwegen möchte man beinahe sagen. Mittlerweile gehen die „Konzerte junger Meister“ der KulturStiftung Masthoff in die vierte Saison, was nicht allein an der Örtlichkeit Römermuseum und an den jungen Künstlern liegt, sondern auch zu einem guten Teil an der musikalischen Klasse und einem ausgefallenen Programm. Letzteres mit Garantie.

Auch am Mittwochabend gab es wieder ein Stelldichein zweier junger, aber vielversprechender Künstlerinnen. Karina Buschinger (Violine) und Verena Volkmer (Harfe) gestalteten einen Abend mit überdurchschnittlich viel Modernem, was sich als Glücksfall für das Programm erwies. Erklangen Bach (1685-1750, Sonate g-moll BWV 1020), Tournier (1979-1951, Deux preludes op. 17), und Spohr (1784-1859, Sonate c-moll noch solide, aber ohne Feuer, so boten die Interpretationen von Saint-Saens (1835-1921), de Falla (1876-1924) und Fauré (1845-1924) die Spannung zwischen hochdramatischen Ausbrüchen und lyrischen Momenten.

Eindeutig dominierend war dabei Karina Buschingers Violinenspiel – aber nicht, weil sie die Harfe dynamisch übertrumpfte, sondern, weil sie „mehr zu sagen hatte“, weil von ihrer differenzierten Artikulation außerordentlich vielfältige Impulse ausgingen. Verena Volkmers Harfenspiel wirkte vergleichsweise zurückhaltend, war vor allem in der ersten Konzerthälfte auf die Funktion der Begleitung beschränkt. Dabei wurde deutlich, warum die Harfe, von alters her das Begleitinstrument des Sängers, den Siegeszug des Klaviers nicht verhindern konnte. Ihr Ton ist einfach weniger substanzvoll.

Erst nach der Pause trat die Harfenistin aus dem Schatten der Geige. Das „Impromptu Harfe Solo“ von Gabriel Fauré ist ein großes Harfensolowerk. Verena Volkmer führte alle Spielarten vor, benutzte alle Ausdrucksmöglichkeiten – von zärtlich und melancholisch bis aggressiv – entlockte mit guter Technik und Musikalität ihrem Instrument manch himmlisches Arpeggio. So hört es sich also an, wenn eine Künstlerin mit ihrem Instrument geradezu verwachsen ist.

Höhe- und zugleich Schlusspunkt war Manuel de Fallas Suite „Populaire espagnole“, in der Elemente aus der spanischen Folklore rhythmisch-tänzerische, melodische und wehmütig verträumte Klänge bescheren. Karin Buschinger entwickelte sich geradezu als Hexenmeisterin auf der Geige, wobei das Instrument (aus dem Jahr 1797) den gesamten Saal mitschwingen ließ, unterstützte das auch durch ihre Mimik und Gestik. Die Zugabe war – nach diesem Erfolg – natürlich ein Satz aus der Falla-Suite.

Irene Stock


Foto: M. Oeldemann

© Ruhr Nachrichten, 17. März 2006
Trio packte das Publikum
Brillantes Kammermusikkonzert beendete die Reihe „Musik im Römer“ in dieser Saison.

Konzerte wie jenes, das die Gäste am Mittwochabend im Römermuseum erleben durften, sind rar – so makellos war es. Das Spiel der jungen Musiker Konstantin Manaev (22, Violoncello), Alla Rutter (25, Violine) und Katherina Titova (23, Klavier) war zutiefst packend. Ihr Gespür für Spannungsbögen faszinierend und die Wahl ihrer Stücke perfekt.

Mit dem Klavier-Trio d-Moll op.49 von Felix Mendelssohn-Bartholdy hatte das preisgekrönte MaRutTi-Trio (2. Platz beim internationalen Charles-Hennen-Kammermusikwettbewerb 2005) eines der schönsten und bekanntesten seiner Gattung ausgesucht; ein Stück, das ihnen zudem wie auf den Leib geschneidert schien. In einem stillen gegenseitigen Verständnis für ihre Musik vereint, schienen sie untrennbar miteinander verschmolzen, um im nächsten Augenblick als Individualisten zu glänzen.

Doch auch das Klavier-Trio B-Dur (KV 254) von Wolfgang Amadeus Mozart stand ihnen gut zu Gesicht, so leidenschaftlich gingen sie es an, mit jeder Faser ihres Körpers. Während sich die Violine vom Bass bis in Diskantlage zu charmanter Unabhängigkeit aufschwang, sponn das Violincello subtile Seitengedanken und blieb mit dem perlenden Piano am Boden. Herzstück war das Adagio, das die Drei mühelos und formvollendet zu Gehör brachten.

Doch der Höhepunkt des Abends erwartete die Gäste nach der Pause: Das Klavier-Trio Nr. 2 e-Moll op.67 von Dimitri Schostakowitsch, ein kantiges und raues Stück. Die Spannungen, die das Trio hier aufbaute, waren brillant. Ein Flüstern konzentrierte sich zu einem Sturm und löste sich plötzlich auf in verstörende Verwirrung. Mit dem steten Wechsel von Passagen größter Empfindlichkeit und unerbittlichen mechanischen Rhythmen gestalteten sie groteske Episoden und überführten Themen in eine sinnlos anmutende Verfremdung.

Mit einem Stück von Astor Piazzolla verabschiedete sich das Trio unter großem Beifall. Der Auftritt des Dresdener MaRutTi-Trios bildete den glänzenden Abschluss der stets ausverkauften Kammerkonzert-Reihe „Musik im Römer“ in dieser Saison.

M.Oeldemann

Am 22.10.2005 hat die ukrainische Pianistin Katherina Titova den internationalen Klavierwettbewerb „Anton G. Rubinstein“ in Dresden gewonnen. Die 22-Jährige bekam für ihren Vortrag des 2. Klavierkonzerts von Sergej Rachmaninow in der vollbesetzten Semperoper einen 30.000 EUR teuren Konzertflügel und einen Geldpreis von 4000 EUR. Beworben hatten sich 60 junge Künstler aus 17 Ländern. Bei den 10 Vorspielrunden in weltweit 10 Städten, darunter Mexico City, New York, London und St. Petersburg, hatten sich 15 Pianisten für das Finale in Dresden qualifiziert.
Im April 2004 und März 2006 gastierte Titova im Rahmen der Konzertreihe MUSIK IM RÖMERmuseum in Haltern am See.


Foto: Chr. Joemann

© Ruhr Nachrichten, 26. Januar 2006
Meisterliches am Klavier

Haltern - Mit einer Premiere startete gestern die Reihe "Musik im Römer" ins neue Jahr: Erstmalig stand konzertante Klaviermusik auf dem Programm. Zu Gast in der Seestadt war mit dem jungen Meisterpianisten Gerhard Vielhaber dennoch kein Unbekannter. Als Mitglied im "BOVIARTrio" hatte der 1982 in Attendorn geborene Pianist schon zum Auftakt der Konzertreihe im Dezember 2003 das Publikum begeistert.

Allerdings müsse er sich diesmal nicht mit einem Stutzflügel zufrieden geben, sondern könne sich eines ausgewachsenen Konzertflügels bedienen, kündigte Dr. Horstfried Masthoff von der gleichnamigen Kulturstiftung in seiner Begrüßung an. Genau das tat Vielhaber dann auch, und zwar mit Bravour. Zwei tiefen Verbeugungen in Richtung des voll besetzten Auditoriums folgte ohne eine weitere Einführung Robert Schumanns Faschingsschwank aus Wien op. 26, eine Reminiszenz des Komponisten an die Marseillaise. Feurig und furios im Allegro, nuanciert und transparent der zweite Satz, optimistisch und mit jugendlicher Kraft im Scherzino, leidenschaftlich und aufgewühlt das Intermezzo und schließlich laut und polternd das Finale " schon nach dem ersten Stück kaum mehr ein Zuhörer, den Vielhaber nicht in den Bann seines virtuosen Spiels gezogen haben dürfte.

Ausdrucksstark, reich an Farben und von durchdringendem Ausdruck gestaltete der Prof.-Kämmerling-Schüler und Stipendiat des Deutschen Musikwettbewerbs Berlin auch seine folgende Interpretation der Sonata a-Moll D 784 von Franz Schubert. Entsprechend verabschiedeten die rund 140 Zuhörer ihn mit ausdauerndem Applaus in die Pause.

Den zweiten Teil des Abends bestimmten Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge c-moll aus dem Wohltemperierten Klavier, das Choralvorspiel "Nun komm´ der Heiden Heiland" von J. S. Bach/F. Busoni und, quasi zum krönenden Abschluss, Ludwig von Beethovens letzte Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111. Deren zweiter Satz gilt bei vielen Pianisten als einer der sublimsten Momente im ganzen Repertoire. Vielhaber meisterte ihn mit Perfektion und Brillanz.

Jens Könning


Foto: Chr. Joemann

© Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 2. Dezember 2005
Lieder künden von Herz, Schmerz, Hass und Brass

Haltern. Das Kunstlied ist eine eigenwillige Gattung des Liedes und -sieht man von so bekannten Liedern wie "Die Forelle" ab -nicht unbedingt nach dem Geschmack musikalisch interessierter Zuhörer. Wenn das Publikum dennoch nach zweistündigem Vortrag stehende Ovationen gibt, dann ist das vor allem dem Können der Interpreten zu verdanken.

Die Sopranistin Susanne Ellen Kirchesch und der Pianist Hendrik Heilmann präsentierten in der Reihe "Musik im Römer" Lieder über Herz, Schmerz, Hass und Brass.

Schon mit Hugo Wolfs einleitendem "Aus dem italienischen Liederbuch" agiert die Sopranistin Susanne Ellen Kirchesch in dynamisch knapp bemessener Nuancierung, singt in wunderschön ansprechender, effektiv eingesetzter Mittellage. Freilich "sitzen" auch Diskantspitzen, etwas bei Schumanns "Ich habe im Traum geweinet".

Die junge Sängerin präsentiert das Liedgut in lebendigem Tonfall, agiert musikalisch und szenisch gelöst. Sie gestaltet, durchdringt die gesungene Materie mit der Geste der selbst Betroffenen.

Als die junge Sängerin nach der Pause in einem "freizügigeren" Outfit auftritt, ahnt der Zuschauer: "Jetzt wird´s frivol". Und es wird. Bei Schuberts "Die Männer sind me?chant" zündet sie treffende Pointen voll sängerischem Esprit. Mit erheblichem Sinn für das Untergründige mancher Beiträge setzt sie komödiantisch geschickt platzierte Pointen mit einem Lächeln, einem dezidierten Augenaufschlag. Etwa wenn sie singt "Es kam zum Kusse, vom Kusse zum Druck der Hand, ach dann, ach dann, o Mutter . . . die Männer sind eine Schand" kann der Zuhörer seine Phantasie spielen lassen -und schmunzeln. Dabei entwickelt Kirchesch geradezu mädchenhaft schlichtes Timbre, was den Effekt noch steigert.

Auch wenn Klangbild und Phrasengestaltung sich mit einer gewissen Uniformität wiederholen, erhält doch so manches Lied ein genügendes Maß individueller, stilistisch, differenzierter Gestaltung. Etwa bei Hollaenders "Sexappeal", das sie voller Witz vorträgt: "Ich wär´ so gerne Sex-Appeal, am liebsten aber Sieben-und Acht-Appel".

Zur Gestaltung trägt Pianist Hendrik Heilmann entschieden bei. Er spielt souverän und ist nahtlos präsent. In sensiblem Anschlag blendet sich dieser hervorragende Begleiter ein, blendet sich aus, singt sozusagen an den Tasten mit. Großer Applaus und Zugaben.

Irene Stock

Foto: B. Glöckner

© Ruhr Nachrichten, 28. Oktober 2005
Emotionen in Töne fließen lassen

Haltern - Auch die dritte Staffel der Reihe "Musik im Römer" verspricht ein voller Erfolg zu werden. Lena Eckels (Viola) und Simone Wolff (Klavier) eröffneten am Mittwochabend die seit Wochen ausverkaufte Konzertreihe mit einem hervorragendem Auftritt.

Die Kulturstiftung Masthoff schaffte es in Zusammenarbeit mit dem Römermuseum und der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit wieder, junge Ausnahmetalente nach Haltern zu holen.

Die jungen Künstlerinnen entführten die Zuhörer gleich zu Beginn in die traumhafte Welt Robert Schumanns Märchenbilder. Technisch perfekt und trotzdem mit viel Leidenschaft setzten sie rasche, lebhafte Passagen, aber auch langsame Passagen mit melancholischem Ausdruck um.

Nach diesem gemeinsamen Auftakt trat Lena Eckels alleine auf und bewies die Vielfältigkeit und Farbpalette ihres Instrumentes. Beide Künstlerinnen sammelten internationale Konzerterfahrung und wurden schon mehrfach ausgezeichnet. Simone Wolff war unter anderem Finalistin des Internationalen Klavierwettbewerbs "Nueva Acropolis" 2000 in Madrid.

Nach der Pause gab es die Sonate für Viola und Klavier op. 147 des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. "Er litt sein Leben lang unter der sowjetischen Zensur", so Lena Eckels, und er habe im Bewusstsein, dass er bald sterben werde, noch einmal all seine Emotionen in dieses Stück hineinfließen lassen. Auch hier brachten Lena Eckels und Simone Wolff die Musik dem Zuhörer durch eine unglaubliche Ausdrucksstärke gefühlvoll näher. Das Publikum belohnte diesen Einsatz mit minutenlangem Applaus, der wiederum mit einer Zugabe belohnt wurde.

Das nächste (ausverkaufte) Konzert der Reihe Musik im Römer findet am Mittwoch, 30. November, mit Sängerin Susanne Ellen Kirchesch und Pianist Hendrik Heilmann statt.

ris


Foto: B. Glöckner

© Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 11. März 2005
Von alten Meistern und von neuen Komponisten

Überraschendes bietet die Reihe "Musik im Römer" von Beginn im Jahr 2003 an. Mittwochabend wartete sie gar mit einer Welt-Uraufführung auf.

Andreas Pflüger, geboren 1941, hatte für das Mayfair Trio, Sabine Grofmeier (Klarinette), Tra Nguyen (Klavier), Tobias Röthlin (Viola) "Gespräche im Park" komponiert. Den Musikern machte die harmonisch beginnende, dann immer heftiger werdende Unterhaltung offenkundig Spaß, sie forderte auch ihr musikalisches Können, doch klang sie zeitweise einfach unge-hör-ig.

Auch bei den ersten Sätzen aus "Acht Stücke" für Klarinette, Viola und Klavier von Max Bruch wurde es den Zuhörern nicht recht warm - zumal selbst der Temperaturregler im Museum den Abend anders eingeschätzt hatte. Umso harmonischer empfanden die Besucher Mozarts " Kegelstatt-Trio" in Es-Dur. Mit Spannung erwarteten sie dann György Kurtágs "Hommage an R. Sch." - um dann umso mehr die "Märchenerzählung" des Meisters Robert Schumann selbst zu genießen.

Das Programm gab vor allem Tobias Röthlin und Tra Nguyen Gelegenheit, ihr Können zu beweisen und Akzente zu setzen. Da nahmen die Zuhörer dankbar auf, dass Dr. Horstfried Masthoff von der mitveranstaltenden Kulturstiftung Masthoff als Zugabe Sabine Grofmeier zu einem Solo - Schumanns "Von fremden Menschen und Ländern" - gewinnen konnte.

Die Reihe "Musik im Römer" ist derart beliebt, dass das am Mittwoch vorgestellte Angebot, 80 Karten für die kommende dritte Runde im Abonnement zu vergeben, innerhalb einer halben Stunde ausverkauft war. 50 Karten kommen nach den Sommerferien in den Verkauf.

Beate Mertmann


Foto: B. Glöckner

© Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 21. Januar 2005
Geschichten auf sechs Saiten

Roman Viazovskiy erzählt Geschichten. Allerdings nicht mit Worten, sondern mit Musik. Beim Auftritt im Römermuseum am Mittwochabend begeisterte er das Publikum mit seinem Gitarrenspiel.

Dr. Horstfried Masthoff von der veranstaltenden Kulturstiftung Masthoff hatte in seiner Begrüßung bereits keinen Zweifel an der Hochkarätigkeit des Künstlers aufkommen lassen und ihn als "einen der weltbesten Gitarristen" angekündigt. Und so ein Prädikat, bewiesen durch zahlreiche Auszeichnungen, bedeutet mehr als technische Perfektion.

Der Ausdruck, die Emotionen, die Stimmungen, die der erst 30 Jahre alte Viazovskiy hervorbringt, werden in Kritiken hoch gelobt und zogen auch bei diesem Auftritt die Zuhörer sofort in den Bann. Mit der Komposition "Drei Waldbilder", die der junge Konstantin Vassiliev eigens für ihn geschrieben hat, eröffnete Viazovskiy den Abend. Er begann leise und beinahe zurückhaltend, ging ins Tänzerisch-Spielerische über und ließ laute, beinahe aggressive Passagen folgen. Die Stille des Waldes, tanzende Schmetterlinge, ein Raubtier? Die Musik lud dazu ein, Bilder im Kopf entstehen zu lassen.

Die beiden anderen Stücke, die Viazovskiy vor der Pause spielte, die Sonata giocosa von Joaquin Rodrigo und eine Sonatina von Lennox Berkeley, gaben vom Titel her zwar nicht so viel Anlass zum Phantasieren, zauberten jedoch auch eine Fülle von Stimmungen hervor, die zu unterschiedlichsten Assoziationen veranlassen konnten. Mit seiner Körperhaltung und seinem Gesichtsausdruck zeigte Viazovskiy nicht nur höchste Konzentration, sondern auch die Ernsthaftigkeit, mit der er die Musik behandelt. Jeder Ton und selbst jede Pause haben ihre Bedeutung für den Gesamteindruck.

Vielleicht doch noch ein Wort zur Technik: Verblüffend war, welche Bandbreite an Klängen Viazovskiy der Gitarre entlockte. Ein besonders prägnantes Beispiel dafür war in der Komposition "A l´aube du dernier jou" von Francis Kleynjans zu hören. Es gehe in diesem Stück um die Beschreibung der letzten Nacht eines zum Tode Verurteilten, hatte Viazovskiy erklärt. Zunächst war in kurzen Passagen immer wieder das Ticken der Sekunden zu vernehmen. Dann das Schlagen der Turmuhr. Und nur das. Verblüffend der Klang, beklemmend die Atmosphäre.

Bravo-Rufe und lauter Applaus zeigten am Ende des Programms die Begeisterung des Publikums und veranlassten den Künstler zu zwei Zugaben. Melancholisch ging der Abend zu Ende, mit dem Stück "Aqua e vinho" des Brasilianers Egberto Gismonti.

Sie hätten ein bisschen Bedenken gehabt, dass ein Solokonzert nicht so gut ankomme, erzählten die Eheleute Horstfried und Eva Masthoff. Kommentare und Reaktionen der Zuhörer bewiesen das Gegenteil. Zu verdanken ist das einem Musiker, der mit seinem Auftritt von Anfang bis Ende die Spannung in seinen musikalischen Geschichten aufrechterhielt.

Hubert Lohrmann


Foto: B. Glöckner

© Ruhr Nachrichten, 3. Dezember 2004
Kontrastprogramm im Museum

Ersatz bedeutet nicht immer Notlösung. Das bewies Pianist Jakob Katznelson (28), der zusammen mit Dmitri Bulgakov (26, Oboe) am Mittwochabend im Römermuseum konzertierte und für die erkrankte Ksenia Bashmet einsprang.

Er machte auch den solistischen Auftakt zum zweiten Konzert der erfolgreichen Reihe "Musik im Römer" im ausverkauften Ausstellungssaal: Der junge Russe, Assistenz-Professor am staatlichen Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau, nahm sich sieben Sätze aus der Partita BMV 825 von Johann Sebastian Bach vor und begann das Konzert mit vertrauten Klängen des Barockkomponisten. Er intonierte ein festliches Präludium, eine verspielte Allemande und eine sachte Sarabande. Sein verhaltenes Spiel, das allerdings zum Teil auch im Charakter des Stückes angelegt ist, überwand er endgültig mit der übermütigen Gigue.

Mit dem zweiten Stück, der Sonate b-Moll für Oboe und Klavier, setzten Bulgakov und Katznelson mutig den Bach-Reigen fort. Katznelson spielte dieses Mal mit angemessener Zurückhaltung und trug das feinsinnige Spiel seines Partners. Der GWK-Förderpreisträger Bulgakov verriet eine ausgeprägte Gestaltungskraft.

Nach der Pause schlugen die Kammermusiker andere Töne an: Mit der Sonatine für Oboe und Klavier von Rudolf Kelterborn setzten sie einen deutlichen Kontrast in ihrem Programm. Die asketischen Gebärden des Pianisten wichen der Bewegung " was der Musik mit ihren Disharmonien und ihrer tonalen Bandbreite hörbar entgegenkam.

Es folgte klassisch-romantische Musik: Wesentlich liedhafter klangen die drei Romanzen für Oboe und Klavier von Robert Schumann, die Bulgakov mit melancholischen Tönen über der ausgewogenen Begleitung von Katznelson schweben ließ und deren Intervalle er thematisch stets zurückführte. Das Ende der virtuosen Vorstellung markierte eine Sonate von Paul Hindemith und der Applaus des Publikums.

Marina Oeldemann

Foto: H. Lohrmann

© Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 14. Oktober 2004
Mut zu ungewönlichen Tönen überzeugte

Offensichtlich verfügen die Musiker Atilla Aldemir (Geige) und Sevki Karayel (Klavier) über ein großes Repertoire, änderten sie das Programm ihres Auftritts am Mittwochabend im Römermuseum doch spontan gleich zweimal. Das Publikum gewannen sie gleichwohl für sich.

Mozart statt Bach gab es zur Eröffnung des Konzertes, und zwar die Sonate in G-Dur (KV 301). Leicht und beschwingt klang das Stück, rief in einigen Teilen Erinnerungen an die "Kleine Nachtmusik" des gleichen Komponisten hervor. "Nach dem zögernden Applaus dafür", fand Atilla Aldemir jedoch nach dem Konzert, "habe ich gedacht, wir sollten jetzt besser nach Hause gehen."

Zum Glück blieben die Musiker aber, und wie sich herausstellen sollte, brauchten sie sich schon bald keine Sorgen mehr um die Gunst des Publikums zu machen. Denn auch wenn das folgende Werk, die Sonate für Klavier und Violine Nr. 3 d-moll (op. 108) von Johannes Brahms, längst nicht so eingängig und fröhlich klang wie die Mozart-Sonate, wurden die Künstler doch mit kräftigem Applaus in die Pause entlassen.

War vorher der Mut zu ungewöhnlichen Tönen schon zu ahnen, so setzte sich diese Tendenz in der Sonate für Violine und Klavier des jungen türkischen Komponisten Fazil Say deutlich durch. Da schlug Aldemir die Saiten seines Instrumentes nur kurz mit dem Bogen an, zupfte auch mitunter und setzte Sevki Karayel die Vibrationen der Saiten im Inneren des Flügels deutlich hörbar mit ein.

Bei der Ungarischen Rhapsodie Nr. 6 für Klavier von Franz Liszt hatte letzterer dann die Gelegenheit, sein Können eindrucksvoll unter Beweis zu stellen und Begeisterungsäußerungen hervorzurufen. Bei der zweiten Programmänderung des Abends stand Aldemir indessen deutlich im Vordergrund.

"Wir haben uns von der Atmosphäre des Römermuseums inspirieren lassen", begründete der Musiker die Auswahl der "Introduction et rondo capriccioso" von Camille Saint-Saëns. Mit dieser temperamentvollen und rhythmusbetonten Komposition endete das Programm.

Durch die Zugaben wurde klar, dass die Künstler sowohl klassisch-europäische als auch orientalische Einflüsse verarbeiten: als Verweis auf Aldemirs Wohnort Wien spielten sie zunächst "Liebesleid" von Fritz Kreisler und schufen damit Kaffeehaus-Atmosphäre, den Abschluss hingegen bildete eine Komposition des türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun, die laut Aldemir, "eigentlich mit einer türkischen Geige gespielt werden müsste".

Die Reaktionen der Zuhörer bewiesen eindeutig, dass Aldemirs anfängliche Befürchtungen nicht begründet waren, denn dieser Abend war ein weiterer Erfolg für die veranstaltende Kultur-Stiftung Masthoff.

Hubert Lohrmann


Foto: L. von Staegmann

© Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 23. April 2004
Junge Meister verzaubern
Erste Konzertreihe "Musik im Römer" endet mit musikalischem Feuerwerk

Kaum haben Konstantin Manaev und Katherina Titova Mittwoch im Römermuseum die ersten der drei angekündigten Phantasie-Stücke von Schumann gespielt, da gehen lautlos die Rollos der Glasdach-Gauben zur Seite. So, als wäre jemand neugierig geworden oder meinte, dass diese Künstler mehr Beleuchtung verdienten.

Wie zur Bestätigung spielen diese ihr drittes Stück noch eine Spur temperamentvoller, witziger, ausdrucksstärker. Man merkt, dass die 21-Jährigen auch außerhalb des Musiksaals ein Paar sind. Beide studierten von Jugend an am Moskauer Konservatorium, danach in Münster, heute in Dresden. Beide erhielten mehrmals bei großen Internationalen Wettbewerben erste Preise. Aber auch im Zusammenspiel sind sie großartig. Konstantin Manaev (Cello) und die Pianistin Katherina Titova gehen auch beim Musizieren liebevoll miteinander um. Sie bringen sich wechselseitig ins Spiel, fangen sanft, jedoch sicher wieder ein, wenn eine/r in der Tonfolge davonzuhüpfen scheint, sie ergänzen und bereichern sich perfekt in Tempo und Akzenten. Katherina Titova spielt dann solo Werke von Sergej Rachmaninow und Fredéric Chopin. Ihre Fingerfertigkeit und ihr Perfektionsgrad sind unglaublich. Sehr schön fängt die Ukrainerin die Tonserien auf, spielt perfekt mit dem Tempo.

Während Johannes Brahms' Sonate für Violoncello und Klavier e-Moll op. 38 ist es mucksmäuschenstill im Publikum. Beide spielen souverän, auch Konstantin Manaevs Technik ist fabelhaft. Er zeigt, wie das dröge Cello auch klingen bzw. welche Töne man dem Instrument noch entlocken kann. Temperamentvoll-perfekt danach die Ungarische Rhapsodie von David Popper.

Als Zugabe verzaubern sie mit der "Mosesphantasie auf einer Saite für Cello und Klavier" vom Hexenmeister Niccolò Paganini. Welches Brillantfeuerwerk doch auf der hohen Cello-Saite abgebrannt werden kann! Die Besucher dankten begeistert. Zwei junge Meister, die Pianisten Katherina Titova und der Cellist Konstantin Manaev (beide 21), begeisterten beim Saisonfinale der Konzertreihe "Musik im Römer".

Beate Mertmann


Foto: B. Glöckner

© Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 05. März 2004
Klassik mit Phantasie
Junge Meister begeistern bei dritter "Musik im Römer"

Musik kann man nicht nur spielen oder hören. Musik kann man leben. Das zeigten Mittwochabend Suyoen Kim (Violine) und Tobias Bredohl (Klavier) beim dritten von der KulturStiftung Masthoff gebotenen Konzert junger Meister im Römermuseum.

Tobias Bredohl (30) überrascht gleich mit einer ungewöhnlichen Kombination. Übergangslos baut er zwischen Franz Schuberts Moment musical op. 94 Nr. 1 und Nr. 2 "komische", aber reizvolle Töne ein. Ein Blick ins Programm verrät, dass der Pianist verschmitzt Hans Vogts relativ unbekanntes Moment musical einfließen lassen hat. Bei all dem lässt er nicht nur die Finger über die Tasten gleiten, sein ganzer Körper, seine Mimik begleiten jeden Akkord. Tobias Bredohl zelebriert seine Musik regelrecht, setzt jeden Ton pointiert, verzögert, beschleunigt, baut Spannungsbögen auf wie ein guter Geschichten-Erzähler. Die Zuhörer sind fasziniert.

Dann spielt Suyoen Kim, das in Münster geborene "Wunderkind", das mit 16 Jahren bereits als "junge Meisterin" gilt. Das Programm kündigt "Das Vögelchen für Violine solo" von Isang Yun an. Der Ankündigung hätte es nicht bedurft. Suyoen Kim (16) lässt ihre Violine trillern, jauchzen und singen wie ein Vögelchen im Frühling. Ihre Geige ist von Camillus Camilli (Mantua, 1742), sie wurde der 16-Jährigen vom Deutschen Musikinstrumentenfonds in der Stiftung Musikleben als Auszeichnung verliehen. Im Zusammenspiel mit Tobias Bredohl zu Henry Wieniawskis Polonaise de Concert op. 4 vervollständigt sich der Eindruck ihrer musikalischen Reife, Virtuosität und technischen Brillanz.

Damit Bredohl ein ebenbürtiges Instrument zur Verfügung hatte, brachte das Pianohaus Schmitz (Essen) einen Bechstein-Flügel ins Museum. Eine gute Entscheidung. Bei Franz Wüllners Sonate für Klavier und Violine e-Moll op. 30 jedoch verschluckte der Flügel die leiseren Geigen-Töne. "Hierbei hätten wir den Flügel zuklappen sollen", bedauerte hinterher auch Dr. Matthias Schröder von Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit, die die "Musik im Römer" mit der KulturStiftung Masthoff ermöglicht. Bei der Zugabe stimmte indes wieder alles. Beide Musiker brillierten mit einer "Carmen-Phantasie", spielten mit Begeisterung, ausgereift und dennoch unbekümmert. Eine Phantasie, die man liebend gerne noch weiter verfolgt hätte. Stehender Applaus belohnte die Leistungen. Beate Mertmann

Beate Mertmann

Suyoen Kim ist ein wirkliches Ausnahmetalent. Mit neun Jahren schon begann sie als jüngste Jungstudentin Deutschlands ihr Studium an der Musikhochschule Münster. Bereits im Alter von 18 Jahren gelang ihr jetzt der bisher größte Erfolg. Sie gewann den ersten Preis beim 6. Internationalen Violin-Wettbewerb Hannover, der von der Stiftung Niedersachsen ausgerichtet wird. Vor einer international besetzten Jury setzte sie sich gegen 36 Geiger und Geigerinnen aus 17 Ländern durch. Der mit 30.000 € dotierte Preis wurde anlässlich der feierlichen Abschlussgala am 14. Oktober 2006 verliehen. Auch in Haltern am See ist diese hochtalentierte Geigerin durch ihren Auftritt im Rahmen der Konzertreihe MUSIK IM RÖMERmuseum im März 2004 gut bekannt.


Foto: B. Glöckner

© Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 16. Januar 2004
Junges Frauen-Duo fordert "im Römer" seine Zuhörer
Sabine Grofmeier und Tra Nguyen gefielen mit Klassik und Moderne

Dass ein Musiker während des Auftritts sein Instrument zerlegt und die Teile unters Publikum bringt, ist man eher von Rock-Konzerten aus der Woodstock-Zeit gewöhnt. Dass Ähnliches auch einem klassischen Instrument passieren kann, bewies am Mittwoch Abend die Klarinettistin Sabine Grofmeier. Bei dem Stück "Immer kleiner" von Adolf Schreiner reduzierte sie ihre Klarinette Stück um Stück, verteilte die Bauteile an die Zuhörer und spielte zum Schluss nur noch auf dem Mundstück - kurz, aber nicht minder schlecht.

Die KulturStiftung Masthoff hatte zum zweiten - wiederum ausverkauften Konzert - in der Reihe "Konzert im Römer" eingeladen. Hohe Ansprüche stellten die Pianistin Tra Nguyen und die Klarinettistin Sabine Grofmeier an ihre Zuhörer . Zusammen mit klassischen Kammerkonzerten von Weber, Schumann und Brahms präsentierte das Duo Werke von Alban Berg und Ilse Fromm-Michaels an der Nahtstelle zwischen bekannten und modernen Klängen.

Hielt sich Sabine Grofmeier bei den "Fantasiestücken op. 73" von Robert Schumann noch vornehm zurück, entwickelte sich das Zusammenspiel spätestens bei Alban Bergs "Vier Stücke op. 5". Hier forderte der Klarinettenpart in hohem Maße. Insbesondere die Unterschiede in der Dynamik bewältigte sie gekonnt, spielte mal kaum hörbar, dann aber wieder mit der höchsten Lautstärke, die das Instrument erreichen kann. Das schwierige Zusammenspiel als auch die ungewohnte Rhythmik meisterte das Duo gekonnt.

Auch im Solo wussten die beiden Musikerinnen zu überzeugen. Die Pianistin Tra Nguyen brachte die Virtuosität wie selbstverständlich ins Spiel. Ihre Fingerfertigkeit, das oft wie traumverloren wirkende Spiel und die Fülle leiser Nuancen begeisterten das Publikum in den "Variationen und Fuge über ein Thema von Händel op. 24". Die "Stimmungen eines Fauns" von Ilse Fromm-Michaels waren drei Miniaturen über die Launen der Natur, die Grofmeier mit Einfühlungsvermögen spielte.
Zum Abschluss "verwöhnte" das Duo die Zuschauer mit einem bekannten Stück aus der Klassik: das "Grand Duo Concertant op. 48" von Carl Maria von Weber. Langer Applaus und Zugabe waren garantiert.

Irene Stock


Foto: F. Rogall

© Ruhr Nachrichten, 12. Dezember 2003
"Musik im Römer"

Gleich drei junge Ausnahmetalente der klassischen Musikszene brillierten am Mittwoch im Römermuseum mit einem meisterhaften Konzert.

Matthias Luft (Klarinette, 26), der den erkrankten Daniel Bollinger vertrat, Gerhard Vielhaber (Klavier, 21) und Julian Arp (Violoncello, 22) bildeten das "BOVIARTrio" und machten am Abend den gelungenen Auftakt zu der Veranstaltungsreihe "Musik im Römer - Konzerte junger Meister" der Kulturstiftung Masthoff.

Das Projekt, das Museumsleiter Dr. Rudolf Aßkamp zuvor als Wagnis bezeichnete, stieß auf großes Interesse: Im ausverkauften Ausstellungssaal erwarteten Halterner Kulturfreunde gespannt die kammermusikalische Darbietung.

Und was da kam, überzeugte vom ersten Ton an mit exzellenter Virtuosität und einem außerordentlichen Programm. Die drei jungen Musiker eröffneten das Konzert mit dem anspruchsvollen "Klarinettentrio B-Dur op. 11" von Ludwig van Beethoven und verwandelten das Römermuseum in einen exklusiven Konzertsaal. Mit musikalischer Bravour, Temperament und Hingabe fesselte das Trio das Publikum und imponierte mit punktgenauem Zusammenspiel und einheitlichem Instrumentenklang. Trotz der "schweren Kost" bewiesen sie eine beeindruckende Leichtfingrigkeit. Klare Klarinettentöne und weiche Streicherklänge ergänzten sich mit prägnanten Klavierläufen zu einem akustischen Hochgenuss.

Mit einem späten Werk von Johannes Brahms liefen die drei Musiker zum Abschluss des Konzertes zu Höchstformen auf und wussten den ganzen Facettenreichtum ihrer Instrumente zu nutzen. Vielhaber zauberte auf der Klaviatur des Flügels rasante und perlende Tonläufe, Luft musizierte mit einem unendlichen Atem, und Arp entlockte seinem Cello Töne von faszinierender Farbenpracht.

Marina Oeldemann

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